Ikigai: Gesund und glücklich hundert werden [Buchbesprechung]

Ikigai – Ein langlebiges, schönes Leben mit Sinn

Kurz vor meinem Sommerurlaub fand ich im Buchladen eine hübsche Inspiration: „Ikigai – Gesund und glücklich hundert werden“, das hört sich doch gut an. Langlebigkeit fasziniert mich schon lange: Wie kommt es zustande, alt zu werden und dabei gesund und glücklich zu leben?

 

Schon klar, die eigene Lebensspanne richtet sich nach keiner Statistik. Sterben müssen wir alle, und niemand weiß wann. Garantien gibt es nicht. Doch es gibt durchaus Hinweise darauf, was uns lange und gesund leben lässt. Diese Faktoren in unser Leben einzubauen kann uns nur nützen. Vor allem dann, wenn sie angenehm sind und uns zu einem besseren Leben verhelfen. Zu dem Thema bin ich immer auf der Suche nach interessanten Artikeln und Büchern.

Und im Buch über Ikigai wurde ich fündig. Das Prinzip: Ein aktives Leben, ein aktiver Ruhestand. Und dabei Gelassenheit bewahren. Dazu strotzt das Buch von Geschichten.

 

Inspirierende Geschichten

Die vielen Beispiele in diesem Buch fand ich köstlich zu lesen.

  • Zum Beispiel die Geschichte vom passionierten Manga-Zeichner, der am Tag nach seiner Verrentung wieder im Studio auftaucht und einfach weiterzeichnet.
  • Die Geschichte von Jeanne Calment, die sich bis zum Alter von 110 selbst versorgte und 120-jährig sagte: „Ich sehe nicht mehr viel, ich höre schlecht, riechen kann ich fast gar nichts mehr, aber es ist alles in Ordnung.“
  • Und die Geschichte vom weit abgelegenen Dorf Ogimi auf Okinawa, wo die meisten ältesten Menschen der Welt leben. Sie organisieren sich in Freundschaftsclubs und unternehmen ständig etwas miteinander. Ihr Essen stammt weitgehend aus dem eigenen Garten.

Lebensbeschreibungen und Interviews mit Höchstbetagten – so etwas finde ich unglaublich beflügelnd.

 

Nun bin ich (leider) keine Gärtnerin. Meine Passionen sind eben andere. Vielleicht werde ich ja einen Garten haben, wenn ich in Rente bin. Schließlich brauche ich mit siebzig, achtzig und neunzig auch noch viel Sinnvolles zu tun! Doch Leidenschaften habe ich mehr, als ich unterbringen kann. Sie zu verfolgen, das wäre dann gut für meine Langlebigkeit? Klingt nicht schlecht, was meinst du? 🙂

 

Was braucht es also, um gesund und glücklich alt zu werden?

Da sind zum einen Aspekte der praktischen Lebensführung:

  • Gute Ernährung mit hohem Pflanzenanteil, bunt, vielseitig und maßvoll
  • Dauernde Bewegung, nicht exzessiv, aber immerzu
  • Ständige maßvolle Arbeit – immer positiv beschäftigt sein
  • Bindungen für ein langes Leben – ein Netz von Beziehungen, die gut gepflegt werden
  • Erholung, Pausen, genug Schlaf, Arbeiten ohne Hast, geringer Stress.

So weit könnten wir die Punkte vielleicht auch noch in einem handelsüblichen Magazin finden und haben sie schon oft gehört. Doch der Ton in diesem Buch ist anders. Bei mir kommt wirklich die innere Haltung der Menschen auf Okinawa an: Ruhig bleiben. Ständig etwas tun. Nie hetzen. Immer in Bewegung. Und genug Pausen. Leben genießen.

 

Doch dann geht Ikigai noch weiter und bringt diese drei Bereiche:

  • Sinn: Ein Lebenssinn, etwas, wofür es sich lohnt aufzustehen
  • Flow: Leben und Arbeiten in einem inspirierten Zustand, Leidenschaft
  • Resilienz: Ruhiger Optimismus, sich wenig Sorgen machen, seelische Widerstandskraft.

Alles das zusammen bildet das Ikigai. Schauen wir uns diese Bereiche im folgenden kurz an.

 

Lebenssinn

Die Autoren stellen zwei Therapieformen vor, die sich besonders der Sinnsuche widmen. Sie sagen, ohne ein Gefühl von Sinn und Bedeutung im Leben können wir schlecht unsere überwältigenden negativen Gefühle (Ängste, Depressionen, Traumata) wegtherapien. Das Sinngefühl kann uns auch durch schwierigste Situationen geleiten.

Die eine Therapieform ist die Logotherapie, die der Psychotherapeut Victor Frankl entwickelte. Er überlebte durch seinen klar ausgerichteten Lebenssinn das KZ und gab seine Erfahrung von Widerstandskraft weiter.

In Japan wurde – etwa zur selben Zeit wie die Logotherapie – von Morita eine Therapieform erfunden, die ebenfalls den Sinn ins Zentrum stellt. Es geht hier nicht darum, etwas Negatives zu entfernen oder das eigene Denken und Fühlen zu verändern, sondern sich selbst in einem erfüllenden Handeln zu finden. Dieses erfüllende Handeln wird in einer Art Retreat gefunden und eingeübt und dann aufs alltägliche Leben übertragen.

Die Autoren folgern:

„Ein klar umrissenes Ikigai zu haben, eine große Leidenschaft, schenkt und Zufriedenheit und Glück und gibt unserem Leben Sinn.“

 

Flow-Erleben

Und was ist nun Ikigai? Es bedeutet so etwa: „Das, wofür es sich lohnt aufzustehen.“ Es ist lohnend und angenehm, hat etwas Elegantes, etwas Stimmiges. So führt es uns klar ausgerichtet durch unseren Alltag. Eine Passion, ein Sinn, das ordnende, organisierende Prinzip.

Das muss nichts Überragendes oder Besonderes sein. Manche Menschen in Ogimi benennen ihren Garten als Ikigai, manche ihre Freunde. Was auch immer sie tun, sind sie ganz dabei und freuen sich daran. Und das ist das Geheimnis.

Ikigai ist den Autoren zufolge eng mit dem Flow-Konzept nach Mihaly Czickzentmihaly verbunden, das sie in ihrem Buch ebenfalls vorstellen: Flow ist ein Gefühl von Glück und Erfüllung bei einer anspruchsvollen Tätigkeit. Flow entsteht,

  • wenn wir uns auf eine Tätigkeit ganz konzentrieren,
  • welche uns erstrebenswert erscheint,
  • die eine Herausforderung darstellt, uns fordert,
  • die wir aber auch schaffen können.

Wenn wir Dinge haben, die uns so sehr begeistert, dass wir sie nie aufhören wollen – das ist gut für uns. Ein zentraler Faktor der Langlebigkeit.

Ist das nicht schön?

Doch was ist, wenn wir es zu schwer haben, um Flow zu erleben?

 

Resilienz – seelische Widerstandskraft

Nun, es ist nicht so, dass die Menschen auf Okinawa es leicht haben. Die Weltkriege haben die Bevölkerung hart getroffen. Heute ziehen die jungen Leute vom Land in die Städte – wie überall sonst auch – was die Gesellschaft stark verändert. Und die Menschen müssen mit Flutwellen leben, die immer wieder über ihr Land ziehen.

Doch sie sind zäh und scheinen aus ihren angestammten Religionen eine grundsätzlich gelassenere Haltung zu haben als wir Westler. Sie führen kontinuierlich ihre Körperübungen und ihre Leidenschaften aus, helfen einander, arbeiten bis ins höchste Alter. Meditationsformen oder Musik, die alte Kunst der Kimono-Herstellung – was auch immer sie tun, es gibt ihnen Kraft, weil sie sich ganz darauf konzentrieren und füreinander da sind.

Davon können wir uns etwas abgucken.

Eine Ergänzung von meiner Seite: Um seelisch stabil zu werden, lohnt es sich aus meiner Sicht auch, mit den eigenen seelischen Schwierigkeiten aktiv umzugehen. Wir können unsere Gefühle nicht wegmachen und uns nicht unverletzt zaubern. Mit unseren Schwächen und wunden Punkten bewusst zu arbeiten und zugleich das Schöne und Stärkende im Leben aufzubauen – beides gehört für mich zusammen, um Resilienz zu erzeugen.

Und was ist dann das Ergebnis?

 

Ein langlebiges Leben führen

Ich möchte an dieser Stelle einen Begriff einführen: Das langlebige Leben.

Damit meine ich, dass es bei der Langlebigkeit nicht darum geht, wie alt wir genau werden, nicht um die Zahl. Sondern um einen langlebigen Lebensstil, schon jetzt und dann durchgängig die ganze Zeit, egal wie alt wir werden. Damit machen wir uns unabhängig von den Zahlenüberlegungen (außer vielleicht einem gewissen Ehrgeiz, viel für unsere umfassende Gesundheit zu tun).

Beim Lesen des Buches – und dem Schreiben des Artikels – kommt bei mir ein bestimmtes Lebensgefühl auf. Eine wohlige Mischung von lohnender Aktivität und verträglicher Gelassenheit. Ich hätte gute Lust darauf, dass sich das in meinem Leben manifestiert!

 

Fragen  zu einem langlebigen Lebensstil

Für mich ergeben sich aus diesem Lebensgefühl eine Reihe von Fragen, mit denen ich auf mein Leben blicke. Vielleicht willst du sie dir auch einmal stellen:

Wie würdest du heute leben, wenn du wüsstest, dass du 115 Jahre alt wirst?

  • Was könntest du in dein Leben einbauen, um in einem guten Zustand zu bleiben?
  • Was würdest du gelassener sehen, weil die Zeit es relativiert?
  • Könntest du deine Arbeit nach und nach in einem etwas anderen Stil ausführen? Langsamer, gelassener? Irgendwie verträglicher?
  • Gibt es einen Anteil von Ikigai (lohnender, erfreulicher Tätigkeit) in deinem Beruf, den du verstärken könntest?
  • Wie könntest du mehr Flow erleben in deinen Tätigkeiten, ob es der Beruf, die Kreativität oder die Hausarbeit ist?
  • Könntest du in deinem Leben mehr kleine Pausen machen, um deine Kräfte und deine Freude zu bewahren?
  • Wie könntest du deine lohnenden Freundschaften pflegen, so dass es ein freudevolles gegenseitiges Begleiten in Gemeinschaft ist?
  • Welche Leidenschaften möchtest du verstärken und ihnen mehr Raum im Leben geben?

 

Umstellen auf ein langlebiges Leben

Es ist schade, unsere Energie leichtsinnig zu verpulvern. Halten wir sie doch lieber beisammen!

Es ist betrüblich, unseren geliebten Tätigkeiten nicht nachzugehen. Sie sind es, die uns gerne aufstehen lassen.

Das Gute schätzen und stärken, das Unangenehme nicht zu wichtig nehmen, füreinander da sein. Sich am Einfachen freuen, genießen können und gelassen bleiben (oder es üben). Immer in Bewegung und auch immer wieder in Ruhe. Das sind die Prinzipien des langlebigen Lebens.

 

Wir können nicht wissen, wie lange wir leben. Doch eines ist gewiss:

Wie alt wir auch werden und was sich alles noch ändern wird: Wir können ein langlebiges Leben führen. Ein lohnender und angenehmer Lebensstil.

 

Interesse an mehr Informationen zum Thema?

  • Hier geht es zum besprochenen Buch Ikigai – Gesund und glücklich hundert werden von Francesc Miralles und Héctor García (Kirai)
  • Hier findest du einen hochinteressanten Dokumentarfilm über Okinawa (etwa 50 Minuten Spielzeit) auf YouTube.
  • Und hier geht es zu einem Film, der einen japanischen Drucker hochkonzentriert bei seiner alten Handwerkskunst zeigt – ein Vergnügen, es zu sehen (etwa 17 Minuten).

Danke für dein Interesse an meinem Blog.

Er ist Teil meines Ikigai.

Jana Lindberg

 

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