Vielseitigkeit und Ordnung – eine Hassliebe

Kennst du den blöden Satz aus Ordnungsratgebern: „Wenn du etwas ein Jahr lang nicht gebraucht hast, tu es weg“? Über den könnte ich mich endlos aufregen. Denn das funktioniert nicht für Leute wie mich! Das heißt, Leute mit vielen, wiederkehrenden Interessen (Scanner). Vielseitigkeit und Ordnung – das Thema stellt uns vor besondere Herausforderungen, die Standardbücher über das Ausmisten nicht abdecken.

Soll ich etwa meine Malsachen und das Zeichenzeug wegschenken oder verkaufen, weil ich ein Jahr lang keine Zeit für sie hatte (weil ich hauptsächlich gebloggt habe)?!

Was ist mit dem E-Piano, zurzeit, wo ich mehr Gitarre spiele? Ist es überflüssig geworden und kann fort? Was ist mit der Rahmentrommel, die ich nur für manche Feste brauche?

Soll ich meine Bauchtanzmusik und das zugehörige Kostüm zum Flohmarkt geben? Nur, weil ich sie zuletzt nicht verwendet habe? Und was mache ich dann, wenn ich doch mal wieder bei einem Fest auftreten möchte?

Was ist mit den Büchersammlungen, die ich über lange Zeit angelegt habe: Biografien, Märchen, Jugendbücher, Kreativität, Gesundheit und so weiter? Eine Sammlung beinhaltet immer viele Bücher, die selten gebraucht werden, aber zum Ganzen gehören. Sie wird sozusagen auf Vorrat gehalten.

Und was ist mit den Sprachkursen? Wenn Französisch eine Weile nicht dran war (Sorry, Französisch!), dann kommt der Kurs weg oder was? Nur weil in den letzten Jahren Englisch auf dem Plan stand?

Geht’s noch?!

Geht gar nicht.

Dieser Ansatz wird einem kreativen Leben einfach nicht gerecht.

Und so ein kreatives Leben hat auch eine wohnliche Wirkung. Zum Beispiel:

 

Die wohlige Wirkung eines kreativen Heims

Neulich war ich das erste Mal bei Freundinnen zu Besuch und bekam eine Hausführung. Es war sehr ordentlich, sauber und gemütlich. Und zugleich sah ich überall die vertrauten Anzeichen vielseitiger Kreativität.

Bücher zu unterschiedlichsten Themen in allen Zimmern. Bastelprojekte noch in Arbeit oder frisch fertiggestellt. Schöne Buchbände, malerisch aufgereiht. Liebevoll dekorierte Kommoden. Musikinstrumente. Interessante Bilder an der Wand. Selbstgemachte künstlerische Dinge.

Herrlich.

Ein kreatives Heim. Es zeigt ein hohes Interesse am Leben.

Beim Anblick der Details sank meine Hautspannung ganz von selbst um 50 Prozent. Ich fühlte mich zuhause. Lächelnd betrachtete ich diese Wohnung verwandter Geister.

 

Mein Bezug zum Minimalismus

Und was ist nun mit der Ordnung?

Wäre es nicht toll, nur das Nötige zu haben, das, was ich wirklich liebe und was mich stärkt? Und den Rest nicht mehr – sozusagen als spirituellen Ballast – mitschleppen zu müssen? Schließlich zieht einen Gerümpel herunter! Und Ausmisten ist wie Therapie und so weiter.

Ja, schon. Ich weiß nicht … Teils, teils.

Doch, ich lese wirklich gerne über Minimalismus und radikales Ausmisten!

Etwa so, wie andere Thriller lesen: mit wohligem Grusel über die dargestellten Extreme.

Ich versetze mich grausig fasziniert in die Lage, spiele es in Gedanken durch, als würde es mich selbst betreffen. Stelle mir die heroischen Anwandlungen vor, die mich überkommen könnten. Aber tief innerlich gehe ich davon aus, dass dies so nicht eintreten wird.

 

Vielseitigkeit und Ordnung – ein Gegensatz

Ich muss jedoch ehrlich sein, manchmal bin ich schon ratlos bezüglich meiner vielen Dinge. Ich kann mich schrecklich schlecht von etwas trennen.

Und das geht anderen vielseitig Interessierten auch so: Wir sehen in jedem Zeitungsausschnitt das, was wir daraus machen könnten. Wir denken bei jedem Gegenstand an den emotionalen Wert, an die Person, von der wir ihn haben. Wir wollen die Dinge verwerten und türmen dabei mehr Projekte auf, als in eine Lebenszeit passen.

Es ist ein Gegensatz, ja.

Doch ich denke, wir sollten das mit Milde betrachten.

Auch wenn das unserer Sehnsucht nach einer perfekten Ordnung widerspricht.

 

Der Traum von der idealen Ordnung

Ich zum Beispiel habe mir in meinem Ideenbuch ein ideales Atelier entworfen.

Es wäre ein großer Raum mit vielen Fenstern an einer langen Wand, mit einem wandfüllenden Spiegel (zum Tanzen) an einer Längswand. Und dann eine eigene Station für jedes Hobby. Eine Station mit Arbeitsfläche und Stauraum, mit allem nötigen Equipment, Schubladen und Schrankplatz. Stauraum zum Zumachen, so dass alles jederzeit verfügbar ist, es aber doch total ordentlich aussieht. Angenehm ruhige Flächen.

Ach ja … Ein schöner Traum.

Dieses Atelier ist nicht in Sicht, also behelfe ich mir anders. Habe feste Plätze für die Hobbies und Dinge.

Und wenn die Dinge mehr werden als der Platz? Dann bilden sich wieder Haufen, die abgetragen werden müssen.

Dabei habe ich eigentlich viel Platz. Umso mehr Dinge habe ich auch…

 

Hm. An diesem Punkt angekommen – irgendwie ist es doch bedauernswert, nicht so piccobello ordentlich und bedürfnislos zu sein wie manche Andere, oder?

Da ist er wieder, der Gedanke: „Ich sollte anders sein als ich bin.“

 

Du merkst, ich bin hin- und hergerissen.

Dieser verinnerlichte Glaube, nicht okay zu sein, und das Schwanken zwischen den verschiedenen Positionen – sie erzeugen eine ständige innere Spannung. Kennst du irgendetwas davon?

 

Zunächst unseren Frieden machen

Wenn du dich darin irgendwie wiederfindest, hier mein Vorschlag: Lass uns zunächst unseren Frieden damit machen, dass wir das Sammler-Gen haben. Wir haben unsere emotionalen Gründe. Unsere Träume und Visionen.

Denn was ich wirklich traurig finde, das ist, wenn diese Neigung zum Anhäufen von Material für Ideen verächtlich kommentiert wird.

Oder wenn – was unweigerlich der Fall ist – die betroffenen Personen sich selbst dafür schämen, Dinge zu sammeln.

Da jetzt überall so viel von Minimalismus die Rede ist, könnte man leicht zum Schluss kommen, es sei etwas Schadhaftes, viele tolle Dinge zu haben. Als dürften Andere (oder wir selbst) über uns die Nase rümpfen. Das nervt.

Mit Selbstabwertung eine Veränderung zu starten, ist keine gute Idee!

Zunächst brauchen wir eine gute emotionale Ausgangslage.

Mein Vorschlag:

 

Wir sind so

Wir sind so. Basta.

Die meisten von uns kriegen immerhin unser Leben auf die Reihe, haben eine passable bis gute Ordnung.

Wir dürfen zu unseren Schätzen stehen. Auch wenn in Randbereichen immer wieder Häufchen entstehen.

Kleiner Tipp: Nomadische Menschen, die den Sammlertrieb nie hatten und denen es kaum weh tut, Sachen wegzuwerfen, können uns nicht raten! Sie haben sozusagen andere Gene. Sie können uns mit schnellen einfachen Tipps nicht weiterhelfen, auch wenn es gut gemeint ist.

Menschen sind unterschiedlich. Wir wollen wertschätzend miteinander umgehen.

 

Palast der Möglichkeiten

Erlaube es dir: Sieh diese Dinge als Schätze. Als Versprechen eines blühend kreativen Lebens, das du dir selbst gegeben hast. Vielseitigkeit und Ordnung, lassen wir das Thema für einen Moment mal beiseite:

Das Heim einer Scannerpersönlichkeit ist ein Palast, gefüllt mit kreativen Möglichkeiten!

Eine Saatgutabteilung voller Visionen zum Heranziehen von Projekten jeder Größe und Art.

Betrachte einmal dein Heim mit den Augen einer Privatdetektivin, eines Detektivs (eine Übung von Barbara Sher): Geh mit einem Block durch die Zimmer, betrachte alles und mache sachliche Notizen. Nur beobachten, nicht werten. Was sagt dir das alles über die Person, die dort lebt? Welche Interessen hat sie, welche Werte? Notiere deine Indizien und ziehe deine Schlüsse.

Vielleicht denkst du mit Blick auf deine Räume, Schränke, Projekte irgendwann verständnisvoll:

„Diese Person ist so vielseitig interessiert und produktiv, dass es ihr schwerfällt, auf der materiellen Seite mit der geistigen Schritt zu halten. Sie kann gar nicht anders, als ständig etwas Neues zu erdenken, zu erschaffen und zu tun. Das hinterlässt seine Spuren.“

Das war einer meiner Gedanken, als ich die Übung machte.

 

Selbstannahme kommt zuerst

Bevor wir versuchen, etwas zu ändern, müssen wir uns mit unserer Ausgangssituation so akzeptieren, wie wir sind.

Unser eigenes Abenteuer von Entwicklung, Verwandlung und Spaß hin zu unserem eigentlichen Selbst (die Queste) ist nur für uns bestimmt, für uns, so wie wir sind, nicht für anders geartete Menschen. Und sie beginnt genau da, wo wir sind.

Der Teil in uns, der die vielen verschiedenen Dinge zu etwas braucht, muss sich unserer Annahme und Loyalität sicher sein. Er muss wissen, dass wir die Kostbarkeit der Schätze erkennen. Und den kreativen Geist dahinter sehen.

Wir brauchen Selbstbewusstsein und Respekt für unser Wesen, genau so, wie wir sind.

 

Um das Sichten dieser (manchmal zu vielen) Reichtümer werden wir uns auch noch kümmern. Auf unsere Art.

 

Was sind deine Strategien im Umgang mit den vielen Dingen? Deine Vielseitigkeit und Ordnung – kämpfst du auch damit?

Kannst du deine kreativen Potenziale anerkennen, auch die, die im Außen als Material zu sehen sind?

Oder bist du vielseitig interessiert und hast für dich das Problem der vielen Dinge gelöst? Deine Methoden interessieren mich!

Über deinen Kommentar freue ich mich.

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