Kreativ sein in schweren Zeiten: Wie dein Hobby einen kleinen Platz findet-
Es gibt Zeiten, in denen es schwierig wird, die eigene Kreativität noch irgendwo unterzubringen.
Nicht nur, weil der Kalender voll ist.
Manchmal fordert das Leben unsere ganze Aufmerksamkeit. Ein Mensch, der uns nahesteht, wird krank. Eltern brauchen plötzlich Unterstützung. Die eigene Gesundheit oder das eigene Energielevel setzen enge Grenzen.
Es müssen Entscheidungen getroffen, Dinge organisiert oder Situationen ausgehalten werden, für die es keine einfache Lösung gibt.
Vielleicht weht dir der Fahrtwind des Lebens gerade ordentlich um die Nase. Vielleicht bist du erschöpft, besorgt oder innerlich ständig in Bereitschaft.
Wie kann Kreativität in solchen Zeiten trotzdem Platz finden?
Oder besser: Wie können wir ihr einen kleinen Platz schaffen?
Denn kreativ sein in schweren Zeiten bedeutet nicht, dass wir das Schwierige ausblenden. Kreativität muss auch kein weiteres Vorhaben auf einer ohnehin schon langen Liste werden.
Vielleicht reicht es, ihr fünf oder zehn Minuten zu schenken.
Ohne Anspruch. Ohne Ziel. Und ohne den Gedanken, dabei etwas leisten zu müssen.
Wenn andere Dinge wichtiger sind
Wir können schwierigen Zeiten nicht immer ausweichen.
Manchmal gilt tatsächlich: Da müssen wir durch.
Hoffentlich nicht allein. Hoffentlich mit Pausen zur Erholung und mit Menschen, die uns Rückhalt geben. Hoffentlich mit Momenten, in denen wir nicht stark, vernünftig oder zuständig sein müssen.
In solchen Phasen kann das eigene Hobby weit wegrücken
Vielleicht denkst du kaum noch ans Zeichnen, Schreiben, Singen oder Lesen. Vielleicht fällt dir irgendwann auf, dass etwas fehlt, das früher selbstverständlich zu deinem Leben gehört hat.
Und gleichzeitig erscheint es fast unpassend, sich ausgerechnet jetzt mit einem Hobby zu beschäftigen.
Es gibt schließlich Wichtigeres.
Aber vielleicht geht es gar nicht darum, etwas Wichtiges beiseitezuschieben. Vielleicht geht es nur darum, für einen kurzen Moment wieder mit einem Teil von dir in Kontakt zu kommen, der zwischen Sorgen, Verantwortung und Erschöpfung leise geworden ist. Darum, die kreative oder spielerische Identität anzutippen.
Wie klein darf ein kreativer Schritt sein?
Ich habe schon öfter über kleine Schritte geschrieben. Zum Beispiel hier: Mach kleine Schritte – Warum kleine Schritte die größten sind. und hier: Ziele erreichen langsam und stetig [Kleine Schritte]
Aber wie klein könnten diese Schritte tatsächlich werden?
Vielleicht so klein, dass du dich nicht erst überwinden musst. So klein, dass du keine besondere Vorbereitung brauchst. So klein, dass du jederzeit wieder aufhören kannst.
Es geht nicht darum, an frühere Leistungen anzuknüpfen, ein großes Projekt zu beginnen oder dein Hobby endlich wieder regelmäßig auszuüben.
Es geht darum, ihm einen winzigen Platz anzubieten.
Einen Platz, der zu deinem Leben passt, so wie es gerade ist.
Wie ein winziges Zeichenbuch in der Handtasche.

6 kleine Möglichkeiten, wieder kreativ zu werden
Eine Fremdsprache: zehn Minuten eintauchen
Du möchtest eine Fremdsprache lernen oder eine vertraute Sprache wieder auffrischen?
Dann musst du nicht gleich eine ganze Lektion bearbeiten oder einen Lernplan einhalten.
Vielleicht hörst du ein kurzes Lied, liest einen kleinen Text oder machst einige Minuten lang eine Übung in einer App.
Ich nutze dafür übrigens LingQ. Diese Plattform eignet sich besonders für Menschen, die gerne mit Texten und Audioinhalten lernen oder sich mit mehreren Sprachen beschäftigen.
Aber auch ein einzelnes Wort zählt. Eine Seite in einem fremdsprachigen Comic.
Es geht nicht darum, schnell voranzukommen. Es geht um den kleinen Moment, in dem deine Gedanken einmal in eine andere (sprachliche) Welt tauchen dürfen.
Zeichnen: eine winzige Skizze
Du möchtest wieder zeichnen?
Nimm ein kleines Skizzenbuch oder irgendein Blatt Papier und zeichne etwas, das gerade vor dir liegt: eine Tasse, einen Schlüssel, eine Zimmerpflanze oder deine eigene Hand.
Die Zeichnung muss weder schön noch fertig werden.
Du kannst auch ein Motiv durchpausen, beim Telefonieren kritzeln oder nur einige Linien und Formen ausprobieren.
Kein Anspruch. Kein Ergebnis, das du zeigen musst.
Nur ein Stift, ein Stück Papier und ein paar Minuten, die dir gehören.

Tanzen: ein einziges Lied
Du möchtest dich wieder zur Musik bewegen?
Dann lege ein Lied auf.
Kein Sportprogramm und keine wilde Party, wenn du gar nicht die Energie dazu hast.
Lass dich einfach ein wenig von der Musik bewegen, und wenn du im Sitzen mitwippst. Deine Körperchemie wird sich dadurch ändern.
Ein einziges Lied genügt.
Singen: Summen zählt ebenfalls
Du möchtest wieder singen, aber deine Stimme fühlt sich ungeübt oder kratzig an?
Dann beginne mit einem kurzen Warm-up. Fünf Minuten können bereits ein sanfter Einstieg sein.
Du kannst auch summen, leise zu einem Lied mitsingen oder beim Abspülen ein wenig Karaoke veranstalten.
Es muss kein vollständiger Song sein. Du musst niemandem etwas vorsingen.
Deine Stimme darf einfach wieder ein wenig Raum bekommen.
Schreiben: einige Zeilen statt eines großen Projekts
Du möchtest etwas schreiben?
Dann brauchst du nicht sofort einen Blogartikel, eine Geschichte oder ein anderes größeres Vorhaben zu beginnen.
Nimm ein kleines Notizbuch und schreibe eine Seite. Einen Absatz. Oder drei Sätze. Das Fragment eines Gedichts.
Du kannst einen Gedanken festhalten, eine Beobachtung notieren oder einige Wörter sammeln, die zu deinem Tag passen.
Du kannst auch einen alten Text hervorholen und ihn einfach noch einmal lesen.
Du musst dabei nichts verarbeiten, erklären oder zu einem guten Ende bringen.
Niedrige Hürde, große Erlaubnis.
Lesen: mit einer Seite anfangen
Du möchtest wieder mehr lesen?
Dann lege ein Buch sichtbar bereit. Nicht für den Zeitpunkt, an dem endlich alles erledigt ist. Dieser Zeitpunkt kommt in manchen Lebensphasen lange nicht.
Lies eine Seite.
Vielleicht liest du noch eine. Vielleicht schweifen deine Gedanken ab und du legst das Buch wieder weg.
Auch das ist in Ordnung.
Jedes bisschen zählt.
Es geht nur um diese besondere Stimmung, die beim Lesen aufkommen kann. Das eigene Leben für einen Moment vergessen.

Kreativität darf zweckfrei sein
Das Muster hinter all diesen Ideen ist einfach:
Mach dein Hobby so klein und leicht, dass es irgendwo in deinem Tag Platz finden kann.
Du musst dich nicht verbessern. Du musst nicht konzentriert, diszipliniert oder produktiv sein. Du musst nichts fertigstellen und niemandem ein Ergebnis zeigen.
Vielleicht liest du nur einen Absatz. Vielleicht zeichnest du drei krumme Linien. Vielleicht summst du für eine Minute.
Der Wert liegt nicht unbedingt darin, was dabei entsteht.
Der Wert kann darin liegen, dass du für einen kleinen Moment nicht nur funktionierst.
Dass etwas in deinem Tag keinen Zweck erfüllen muss.
Dass neben allem, was gerade schwer ist, auch noch etwas anderes existieren darf.
Und so nährst du dein kreatives Wesen.
Du schaffst einen kleinen Platz für dich
Kreativ sein in schweren Zeiten: Kein zusätzlicher Anspruch, aber eine Erlaubnis.
Und wenn du im Café sitzt und ein wenig die Atmosphäre genießt.
Du bist wieder dran. Und du erinnerst dich, dass du etwas erschaffen kannst.
Alles Gute für dich, egal, wo du gerade auf deiner Reise bist.
Beste Grüße
Deine Jana
