Dieser Artikel entstand auf Wunsch meiner Leserin Grane, den sie als Kommentar unter dem letzten Artikel schrieb: „Ich will mehr Zeit für meine Kreativität.“
Ein gesunder Wunsch!
Viele kreative Menschen kennen ihn. Dieses Gefühl, dass da etwas in uns lebt, das mehr Raum braucht. Mehr Stille, mehr Stunden, die nicht verplant sind.
Ich kenne diesen Wunsch selbst sehr gut.
Die normale Lebensführung frisst Zeit
Arbeit, Haushalt, Organisation, Papierkram, Beziehungen, Ehrenamt, Verpflichtungen.
Ein ganz normales Leben ist erstaunlich zeitintensiv. Schon wieder eine Woche rum, und ich wollte doch mehr Zeit für meine Kreativität aufbringen.
Es ist also völlig legitim, innezuhalten und sich zu fragen:
Stimmen meine Prioritäten eigentlich noch?
Denn wenn wir an all die Werke denken, die uns berühren – Bücher, Bilder, Musikstücke – wie schade wäre es gewesen, wenn ihre Urheber immer nur das Notwendige erledigt hätten. Wenn sie nie „egoistisch“ genug gewesen wären, ihrem inneren Drängen zu folgen.
Der Wunsch nach kreativer Zeit ist eben kein egoistisches Luxusproblem.
Er ist ein Signal eines kreativen Wesens.
Ein Hinweis darauf, dass du deine schöpferische Seite nicht verlieren willst.
Und vermutlich wird dich dieser Wunsch dein Leben lang begleiten – weil er zu deiner Identität gehört.
Das quälende Mangelgefühl
Doch der Satz „Ich habe nie Zeit für Kreativität“ ist oft komplexer, als er klingt.
Es geht nicht nur um messbare Minuten und Stunden.
Sondern auch um unseren emotionalen Zustand und unsere Aufmerksamkeit.
Manchmal ist da ein Grundgefühl von Mangel. Ein innerer Druck.
Ein Gefühl von: Ich komme nie hinterher.
Egal, wie viel du tust.
Dieses „Muss-Gefühl“ kann sich auch einstellen, wenn du regelmäßig kreativ bist.
Es zeigt sich als Eile, als schlechtes Gewissen. Als unendliche innere To-do-Liste.
Und dieses gehetzte Gefühl – nicht die objektive Zeit – erstickt Kreativität am zuverlässigsten.
Vielleicht ist also nicht nur die Frage:
Wie viel Zeit habe ich?
Sondern auch:
In welchem inneren Zustand bin ich?
Brauchen wir wirklich große Zeitblöcke?
Wir träumen gern von dem Moment, wenn endlich nichts mehr dazwischenkommt. Wenn keine Verpflichtung mehr drückt.
Aber vielleicht kommt dieser Moment nie, wo nichts mehr stört.
Julia Cameron schreibt in Der Weg des Künstlers, sie habe nie „reiche Seidenballen von Zeit“ besessen, die sie einfach nur abrollen musste. Sie habe gelernt, sich Zeit in 15- oder 30-Minuten-Einheiten zu nehmen – sie sich geradezu zu stehlen.
Diese Haltung verändert etwas.
Sie macht Kreativität beweglich, unperfekt, flexibel.
Und es zeigt sich:
Viele Werke entstehen nicht unter idealen Bedingungen, sondern mitten im Leben. Zwischen Terminen, mit Müdigkeit und im Alltag.
Und vielleicht haben auch wir diese heimliche, gestohlene Zeit immer wieder aufgebracht – nur sehen wir es nicht mehr.
Unsichtbare Kreativität
Wenn du zurückblickst:
Sind wirklich alle deine kreativen Projekte in großen, ungestörten Phasen entstanden?
Oder manches in Momenten, die eigentlich „unpassend“ waren?
Vielleicht war Kreativität längst da:
-
in der gestalteten Geburtstagskarte
-
in einer guten Idee bei der Arbeit
-
im Ausprobieren eines neuen Rezepts
-
im Engagement für andere.
Wir definieren Kreativität oft eng. Als Kunst. Als Projekt. Als Werk.
Doch schöpferisches Denken durchzieht viel mehr Bereiche unseres Lebens.
Es ist ein Akt von Selbstachtung, unsere vorhandene Kreativität zu erkennen.
Und nicht nur das zu würdigen, was öffentlich sichtbar wird, das Fertige.
Es zählt auch nicht nur das als kreativ, wo wir stundenlang abtauchen und in unserer Kunst schwelgen durften.
Die Legende vom „Vollzeit-Künstler“
Ich gebe zu: Wenn ich von Menschen lese, die scheinbar ausschließlich ihrer Kunst gewidmet lebten, werde ich oft neidisch. Es wirkt so klar. So entschieden.
Doch ein genauerer Blick relativiert das Bild.
Viele große Namen schrieben und arbeiteten „nebenher“.
Sie unterrichteten, zogen Kinder groß, hatten Berufe, Verpflichtungen.
Und trotzdem sehen wir heute nur das Werk – nicht den Alltag dahinter.
Vielleicht liegt hier ein Missverständnis:
Wir messen unsere Kreativität an einem Ideal, das selbst selten existiert hat.
Nebenher ist kein Makel.
Es ist Normalität.
Den Wunsch präzisieren
Wenn du sagst:
„Ich will mehr Zeit für meine Kreativität“ – was genau meinst du?
Geht es um eine bestimmte Ausdrucksform?
Um den Flow?
Um die ungestörte Ruhe?
Was ist es, das du ersehnst?
Manchmal hilft es, den Wunsch genauer zu benennen.
Und ihm dann etwas Zeit zu widmen.
Vielleicht braucht es keine radikale Lebensumstellung.
Vielleicht reicht ein fester Termin pro Woche. Eine Stunde, die nicht verhandelbar ist.
Damit dein kreatives Wesen immer wieder spürt, dass du es ernst mit ihm meinst.
Und vielleicht braucht es zusätzlich noch etwas:
Eine freundlichere Bewertung dessen, was bereits da ist.
Das kreative Lebensgefühl
Was, wenn wir uns unterschätzen?
Wir vergleichen uns mit Menschen, die scheinbar nur eine Sache tun.
Mit unseren vielen Interessen aber wird immer irgendetwas gerade nicht bedient. Und dieses „vernachlässigte“ Interesse meldet sich – als Mangel.
Doch was, wenn das eigentliche Kunstwerk nicht nur das einzelne Buch, Bild oder Lied ist?
Was, wenn unser Leben selbst das Hauptkunstwerk ist?
Ein Leben mit vielen Spuren von Neugier, Ideen, Spielen, Denken, Forschen, Austausch.
Vielleicht geht es weniger darum, irgendwann endlich genug Zeit zu haben.
Sondern darum, das kreative Lebensgefühl bereits jetzt bewusst wahrzunehmen – mitten im Alltäglichen.
Und dieses kreative Lebensgefühl kann viele kleine Handlungen beinhalten:
- Eine Zeile schreiben
- ein Stück spielen, ein Lied singen
- ein neues Rezept probieren
- zusammen spielen
- neue Ideen beim Gärtner
- das Heim neu gestalten
- gedanklich an einem Text oder Video basteln
- eine winzige Zeichnung machen
- ein bisschen tanzen
- dir Gedanken zu einem interessanten Thema machen.
All das zählt. Was steht bei dir noch auf der Liste?
Kreativität ist nicht nur das abgeschlossene Werk, das fertige Produkt.
Sie ist die Art, wie du lebst, wahrnimmst und gestaltest.
Und sie war die ganze Zeit schon da.

Fragen und Antworten 🎨❓🤔🧠
✨Wie finde ich mehr Zeit für Kreativität im Alltag?
Plane kreative Zeit bewusst ein – auch wenn es nur 20 Minuten sind. Kleine, regelmäßige Einheiten sind realistischer als der perfekte freie Tag. Entscheidend ist Verbindlichkeit, nicht Dauer.
✨Wie kann ich trotz vollem Alltag kreativ sein?
Warte nicht auf ideale Bedingungen. Kreativität entsteht auch zwischen Terminen, Familie und Arbeit. Nutze vorhandene Zeitfenster – und erlaube dir, unperfekt zu beginnen.
✨Warum habe ich das Gefühl, nie Zeit für Kreativität zu haben?
Oft steckt dahinter nicht nur Zeitmangel, sondern innerer Druck. Vergleich, Perfektionsanspruch oder Dauerstress erzeugen das Gefühl von „zu wenig“. Kreativität braucht weniger Zeit als innere Präsenz.
✨Reichen kurze Zeitblöcke für kreative Projekte?
Ja. Viele Ideen entstehen in kurzen, konzentrierten Phasen. Regelmäßigkeit wirkt stärker als gelegentliche Marathon-Sessions. Dein Nervensystem merkt, dass es sich auf dich verlassen kann.
✨Zählt Alltagskreativität überhaupt?
Ja. Kreativität zeigt sich nicht nur in großen Werken, sondern auch in Ideen, Problemlösungen, Gestaltung und Experimentieren. Wer das erkennt, erlebt sein Leben kreativer – auch ohne fertiges Projekt.
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