Können wir Selbstliebe lernen?

Wie oft sind wir uns gram. Ungar, eingetrübter Stimmung. Uns böse, weil wir etwas falsch gemacht haben oder einfach, weil wir so sind, wie wir sind. Dann lesen wir wieder irgendwo, wir sollen uns selbst lieben. Und das verursacht ein klägliches oder ironisches Gefühl: Wie denn?! Ich fühle es nicht. Und die Frage ist berechtigt: Wie denn? Können wir Selbstliebe lernen?

Ich glaube schon. Denn auch die „Fähigkeit“, uns nicht zu lieben, haben wir einmal gelernt.

Unser ganzes soziales Verhalten ist kulturell erlernt. Wir haben es erworben von den Menschen, mit denen wir aufwuchsen, von der Kultur, die uns umgab. Familie, Kindergarten, Schule, Arbeitsleben, Medien. Unser Verhaltensrepertoire wurde von uns unter sozialen Einflüssen aufgebaut: All die liebenswerten Eigenschaften, Lieblingssätze, schrulligen Details.

 

Manchmal können wir einzelne Sätze oder Gefühle sogar bestimmten Personen zuordnen:

Als an Weihnachten die Bratwurst nicht so war, wie sie traditionell gehört und wie meine Großmutter sie immer zubereitet hatte, wurde ich sehr wütend.

Zum Glück erkannte ich schnell, wer da mit mir sprach: Meine – schon lange verstorbene – Oma stand offenbar neben mir in der Küche und gab ärgerliche Kommentare ab.

Ich begrüßte sie, dankte für ihre Hinweise und gab ihr voll Recht. Ihr Grimm war ja verständlich: Sie hat immer sehr gut gekocht und will, dass die Dinge passen, wenn Gäste da sind.

Dadurch ließ sich ein längerer innerer Streit vermeiden. Mein Gefühlsleben wurde schneller wieder friedlich, als wenn ich ihr widersprochen hätte. Und ich konnte dann in geselliger Runde doch das Essen genießen. So wie es war.

Aber es ist doch immer wieder überraschend, wie lebendig frühere Einflüsse uns ein Leben lang begleiten.

 

Mit wie viel Selbstliebe bist du aufgewachsen?

Wir können unserem Umfeld nur geben, was wir auch haben. Wir werden immer nur das vorleben und somit lehren, was wir selbst beherrschen.

 

Frage dich kurz: Die Menschen, die dich emotional geprägt haben, in deiner Kindheit oder Pubertät: Konnten sie dir Selbstannahme und Selbstliebe vermitteln? Waren sie mit sich im Reinen? Haben sie in sich geruht und dir daher den Eindruck gegeben, gesehen zu werden? Fanden sie sich okay und gaben dir das Gefühl, okay zu sein?

Ehrlich gesagt, das kommt in so einer vollständigen Form eher selten vor!

  • Manche Menschen erleben vielleicht weitgehende Annahme, das ist denkbar. Sie dürften einen guten Start haben, was Selbstliebe anbelangt.
  • Manche wachsen in einem destruktiven Umfeld auf, das es ihnen später schwer macht, sich zu achten und zu versorgen.
  • Doch die meisten von uns liegen dazwischen. Es war eben eine Mischung, was wir mitbekommen und gelernt haben.

Wenn wir in uns auf scharfe Sätze oder Wertungen stoßen, auf Zorn und Unglück in uns treffen, ist da etwas zu heilen.

 

Wir dürfen uns Zeit nehmen, es näher betrachten und daraus Schlüsse ziehen.

  • Wo wir gut genährt wurden, wo wir eine ausreichende Basis von Wärme und Annahme haben.
  • Und wo unsere schmerzlichen Punkte sind, die Lücken in der Selbstliebe.

Wir tun gut daran hinzuhören, welche wiederholenden Sätze in uns heilend versorgt werden wollen.

Uns darum zu kümmern bedeutet, Selbstliebe zu lernen.

 

Lausche auf den inneren Dialog

Hinweise zum Thema fand ich im Buch Resilienz – Das Geheimnis innerer Stärke: Widerstandskraft entwickeln und authentisch leben. Mit 12-Punkte-Selbsttest von Mirriam Prieß. Die Autorin zeigt auf:

Ob wir glücklich oder unglücklich sind, stark oder schwach, das hängt vor allem daran, wie wir Beziehungen leben können. Und das wiederum hängt daran, wie unsere Kommunikation in Beziehungen ist.

Beziehung ist die Grundlage des Lebens, und Dialog ist die Grundlage von Beziehung.

Und da liegt der Kernpunkt: Der äußere Dialog, den wir gehört haben, ist unser innerer Dialog geworden. Er spiegelt unsere faktischen Erlebnisse wieder.

Wie die Menschen in unserem Umfeld mit uns – und miteinander – gesprochen haben, ist in unser persönliches Repertoire eingegangen. Im Guten wie im Bösen. Ob wir wollen oder nicht.

Es ist äußerst faszinierend: Wenn wir näher hinschauen, finden wir mehrere Generationen und unterschiedlichste Einflüsse in unserem Gefühlsleben vor. In unserem täglichen Selbstgespräch.

 

Um unseren inneren Dialog kommen wir nicht herum. Er prägt unsere Gefühle. Den ganzen Tag lang.

Hast du jemals erlebt, dass eine harsche Stimme aus dem Off etwas sagt, das du schon oft gehört hast und das dich schwächt?!

Natürlich, denn das erleben wir alle. Sogar ziemlich häufig.

Gerade, wenn uns ein Missgeschick passiert, kommen solche Sätze. Das kennen viele von uns: Wenn wir hinfallen, wenn wir im Gespräch ungeschickt waren oder etwas verpatzt haben, bricht oft ein Chor von Stimmen im Kopf los, der uns tadelt oder beschimpft. Krass.

 

Selbstliebe lernen heißt, innere Stärke aufbauen

Der Ansatz des Buches Resilienz ist, die Lücken zu schließen, die unser Aufwachsen gelassen hat. Wir können uns selbst an den schmerzlichen Punkten einen freundlicheren inneren Dialog anbieten als den, den wir mitbekommen haben. Wir können es jedenfalls lernen.

Ein stärkender innerer Dialog ist Bestandteil der Selbstliebe.

Dazu schlägt die Autorin folgende Qualitäten vor:

  1. Interesse,
  2. Empathie,
  3. Offenheit,
  4. Augenhöhe und
  5. Wertschätzung.

Diese fünf Qualitäten sind die Basis einer guten Beziehung.

Und sie sind auch die Basis für eine gute Beziehung zu sich selbst.

Klingt zunächst schön. Fast einfach …

 

Mir selbst Interesse, Empathie und Respekt entgegenbringen

Spielen wir das kurz einmal durch:

 

Um mit mir freundlich umzugehen, brauche ich für mich selbst Interesse und Offenheit.

Ich muss hören wollen, wo es mir schlecht geht! Wie oft schiebe ich es weg.

Statt zu lauschen.

 

Ich brauche Empathie für meine schweren Stunden, keine Bewertung wie „Jetzt hab dich nicht so“, „So schlimm ist es doch gar nicht“ oder „Was hat mein Körper denn jetzt schon wieder?!“

Sondern Selbstmitgefühl.

 

Wenn es mir zum Beispiel schwerfällt, das Leid anderer Menschen auszuhalten – dann brauche ich nicht die Wertung „Wieso macht dir das so viel aus?“ oder „Du solltest wirklich mehr für andere da sein.“

Sondern ich brauche Verständnis für das leidvolle Gefühl, das in mir vorhanden ist. Wie wäre es, wenn ich dieses Verstehen in mir selbst aufbringen könnte?

 

Ich muss mich selbst ernstnehmen lernen, mich auf Augenhöhe behandeln, mit Respekt.

Die Menschen, die mich früher ernst genommen haben – ich denke dankbar an sie, denn sie haben etwas Wichtiges für mich getan.

Kann ich mich selbst ernst nehmen? So, wie ich bin?

 

Kulturell ist die Bewertung vorherrschend

Ich glaube, für uns ist in unserer Leistungsgesellschaft ist diese Praxis des Annehmens unermesslich schwer.

Kulturell wird es nicht unbedingt unterstützt, mal vorsichtig gesagt: Wann hören wir schon im Kollegenkreis: „Wow, der ist wirklich mit sich im Reinen!“ oder lesen in den Medien: „Sie wird dafür bewundert, wie gut sie auf sich aufpassen kann – man merkt, sie lebt im Frieden mit sich.“

Eher selten.

Oft sind es herausragende Leistungen, die berichtet werden. Oder man erzählt bewundernd und schaudernd weiter, wenn sich jemand vollständig übernommen hat, um eine Aufgabe zu schaffen. Wie Leute sich zurückstellen.

Die Bewertungskultur macht es uns schwer, Selbstliebe zu leben.

Doch es lohnt sich, sie zu lernen.

 

Selbstliebe ist die Voraussetzung von Liebe

Aus dem Gesagten dürfte klar geworden sein: Selbstliebe nutzt nicht nur uns, sondern auch den Menschen in unserem Leben.

Wenn wir mit verschiedenen inneren Anteilen im Streit liegen, sind wir angespannt. (Willkommen im Club!)

Wir ärgern uns oft über uns selbst. Und dann sind wir nicht im Frieden.

 

Wir versuchen natürlich, zu anderen aufmerksam und freundlich zu sein, weil es zu unseren Werten gehört.

Doch das gelingt öfter mal nicht, egal, was wir uns vornehmen – nämlich dann, wenn der innere Dialog zu feindselig ist.

Dann hören wir die Sätze der Mitmenschen ganz anders, deuten ihre Blicke entsprechend unserer Gefühlslage. Und „reagieren“ auf diese Personen scharf oder aus der Selbstverteidigung heraus. Dann ist wieder mal so ein Satz gesagt und lässt sich nicht zurückholen, und wir wollten es gar nicht.

Gerade dann, wenn wir uns selbst nicht grün sind, können wir die schwierigen Punkte bei anderen Leuten kaum aushalten.

 

Wie schön wäre es daher für unsere Beziehungen, wenn wir inneren Frieden haben könnten.

Das Gute: Innerer Frieden ist tatsächlich etwas, das wir erwerben und einüben können. Und dann gehen wir ruhiger und aufmerksamer auf andere zu.

So nutzt unsere Übung der Selbstliebe auch den vielen Menschen, die Teil unseres Lebens sind.

 

Selbstmitgefühl, Selbstliebe, innerer Frieden

Von Zen-Meister Thich Nhat Hanh finde ich das in diesem Audiomitschnitt über Self Compassion (in Englisch) anrührend beschrieben. Er sagt:

 

Wie können wir Glück erleben, wenn wir in unserem Körper und Geist keinen Frieden empfinden? Wie kann ich glücklich sein, wenn ich ständig von Ärger und Angst verfolgt werde? Wir brauchen inneren Frieden.

Wir müssen erst lernen, uns selbst zu lieben, ehe wir jemand anderen wirklich lieben können.

Deshalb sollten wir uns nach dieser Vorstellung Frieden und Liebe als Ziel setzen. Wenn wir Liebe anstreben, müssen wir mit uns selbst anfangen.

Wir können uns selbst Mitgefühl anbieten, Fürsorge geben.

Das hilft uns, leichter und froher zu werden.

 

Dazu gehören bestimmte Mantren, zum Beispiel:

„Möge ich sicher und in Frieden leben.“

 „Wenn ich leide, müssen Gründe dafür da sein. Ich bewerte mich nicht. Ich will mich selbst mit Mitgefühl betrachten und mich akzeptieren.“

„Möge ich mich selbst mit liebenden Augen betrachten können.“

 

Das sind für mich berührende Sätze.

Mit der Atempraxis werden sie vertieft und eingeübt.

Ich bin da noch nicht – doch es ist ein lohnenswerter Weg, es zu üben.

 

Sylvia Harke: Online-Kurs Die 12 Schlüssel zur Selbstliebe

Einen hilfreichen Ansatz finde ich bei Sylvia Harke, Autorin, Bloggerin und Coach. Sie schreibt auf ihrer Webseite HSP Academy: „99% aller Probleme, die Ratsuchende im Coaching lösen wollen, haben mit einem angeknacksten Selbstwertgefühl zu tun!“

Deshalb hat Sylvia Harke einen Online-Kurs entwickelt: 12 Schlüssel zur Selbstliebe, in 3 Monaten zu mehr Selbstwertgefühl.

In der Kursbeschreibung gibt die Psychologin uns kostbare Hinweise, aus welchen Aspekten sich Selbstliebe zusammensetzt:

  • Schlüssel Nr. 1: Bedingungslose Selbstakzeptanz kultivieren
  • Schlüssel Nr. 2: Perfektionismus abbauen & den inneren Kritiker besänftigen
  • Schlüssel Nr. 3: Selbstmitgefühl und Selbstzentrierung von Herzen
  • Schlüssel Nr. 4: Wie Du Dich effektiv durch Abgrenzung schützen kannst
  • Schlüssel Nr. 5: Negative Gedanken abbauen & positive Gefühle aufbauen
  • Schlüssel Nr. 6: Dein inneres Kind verstehen und umarmen, Deine Bedürfnisse achten
  • Schlüssel Nr. 7: Negative Spiralen der Vergangenheit durchbrechen
  • Schlüssel Nr. 8: Versagensängste mit Liebe abbauen und aus Fehlern lernen
  • Schlüssel Nr. 9: Dein Herz öffnen & liebevolle Beziehungen zulassen
  • Schlüssel Nr. 10: Lebensfreude & Glück finden durch Sinnhaftigkeit
  • Schlüssel Nr. 11: Lebensträume bejahen & Deine Lebensaufgabe entdecken
  • Schlüssel Nr. 12: Verbundenheit spüren, sich vom Leben getragen fühlen

 

Damit kann ich viel anfangen. Das ist gleichzeitig facettenreich und konkret.

Ein bedürftiges inneres Kind und einen scharfen inneren Kritiker kennen wir alle. Wir wollen negative Spiralen durchbrechen und Lebensfreude finden. Ein Leben gemäß unserer Lebensträume zu leben – das ist es auch, worum es bei der Queste in meinem Blog geht.

Wenn ich diese Liste lese, sehe ich: Die beschriebenen Elemente setzen sich zur Selbstliebe zusammen. In diesem Prozess können neue Sätze entstehen, eine neue, warme, annehmende Haltung.

Wenn du also konkrete Hilfe suchst, einen Kurs, der deine Situation innerhalb von drei Monaten grundlegend verbessert, schau dir hier die Kursankündigung an. Sylvia Harkes empfehlenswerter Kurs startet immer wieder mal neu. In drei Monaten lässt sich vieles lernen, Gutes dazugewinnen, das uns dann künftig trägt.

 

Fazit: Wir können Selbstliebe lernen

In meinem Blog werden viele der Themen berührt. Mir wird durch diesen Artikel bewusst, wie zentral sie für mich sind:

Selbstannahme, Selbstliebe, Zentrierung, innerer Dialog – das hat mich schon lange beschäftigt und bleibt für mich Kern der Lebensreise. Eines der wichtigsten Werkzeuge auf der Queste. Damit arbeiten wir durch, was uns hemmt. Und machen den Weg frei für unsere kreative, erfüllte Zukunft.

 

Ist das eine Sache einer einmaligen großen Erkenntnis? „Bingo, jetzt hab‘ ich es begriffen!“ Eben gar nicht:

  • Sondern Selbstliebe lernen ist eine Sache vieler kleiner Erkenntnisse über sich selbst. Wie wir so geworden sind, wie wir sind, und was wir emotional brauchen.
  • Dafür benötigen wir genügend Interesse für uns. Immer wieder hinzuhören. Das bedarf einer inneren Haltung von Offenheit und Empathie uns selbst gegenüber. Wenn mein Körper oder mein Gefühlsleben mir Unwohlsein spiegeln (ich also wie ein Kind „wieder mit etwas ankomme“), dass ich es dann auch wissen will.
  • Und Selbstliebe ist eine Sache der Übung, eine langdauernde Praxis. Etwas, das wir regelmäßig einüben, wofür wir uns die Zeit nehmen. Atmend, reflektierend, entspannend, aufmerksam, zum Beispiel auch schreibend und im Gespräch mit anderen Menschen.
  • Schließlich bedeutet Selbstliebe auch die Geduld zu akzeptieren – dass wir es noch nicht können.

Eine fundierte Basis von Selbstliebe wird uns einen anderen Stand im Leben geben.

 

Hier geht es zu verwandten Artikeln, die ich früher geschrieben habe:

Stress abbauen mit Achtsamkeit

Selbstannahme ist eine Lernaufgabe

Vom Grübeln in den Moment zurückkommen

 

Das war wieder ein langer Blog-Artikel. Danke, dass du bis hierher gelesen hast! Ich freue mich sehr über dein Interesse.

Lass uns zusammen dranbleiben, unser Leben zu leben.

Herzliche Grüße

Deine Jana Lindberg

 

One Reply to “Können wir Selbstliebe lernen?”

  1. Liebe Jana,
    das ist aber ein schöner Artikel! „Selbstliebe lernen“, das klingt vielversprechend und mir haben deine Anregungen dazu sehr gut gefallen. Interessante Quellen hast du da vorgestellt.
    Ich finde es irgendwie beruhigend, wenn du auf die kulturelle Bedeutung der dauernden „Bewertungen“ hinweist – das ist zwar traurig, aber es entlastet auch die Einzelne.
    Ich bin schon neugierig, was du weiter von der Lebensreise – Queste erzählst!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.