Retreat zuhause – Zeit im inneren Takt

Viele künstlerische und sensible Menschen haben ein Problem damit, zur Ruhe zu kommen. Als feinnervige Wesen sind wir oft wie getrieben. Leicht aus dem Takt, trotz aller Entspannungstechniken. Deshalb möchte ich dir heute eine tiefere Praxis von Erholung durch Rückzug vorschlagen: den Retreat zuhause. Das bedeutet, bewusste Zeit für dich selbst.

Die meisten von uns machen schon viel für ihre Gesundheit und ihr Nervenkostüm. Zumindest arbeiten wir daran, eignen uns immer mehr Selbstmanagementtechniken an. Und doch bleibt oft ein nervöses Grundgefühl erhalten.

Eine gewisse Unruhe.

Oder sogar Gereiztheit.

Geht es dir auch manchmal so?

Vielleicht suchst du etwas.

Dich.

 

Zeit für uns selbst

Wir brauchen bewusste Zeit, um bei uns selbst anzukommen.

Meine Erfahrung ist sogar diese: Wenn wir diese Zeit nicht haben und sie uns nicht verschaffen, kann alle Entspannung und Therapie der Welt sie nicht ersetzen. Wenn wir Zeit für uns selbst brauchen, kann auch die beste Gesellschaft die fehlende Rückzugszeit nicht ausgleichen.

 

Viele von uns kennen einen Retreat hauptsächlich in seiner zufälligen Form: zum Beispiel einer Krankheit, die uns für eine Weile aus unseren Pflichten herausholt.

Das heißt, wir wollten es gar nicht, wollten funktionieren und sind vielleicht aus der Kurve geflogen wie hier beschrieben.

Im Laufe der erzwungenen Rückzugszeit haben wir dann zur Ruhe zurückgefunden, die uns verlorengegangen war. Unser Körper zwingt uns manchmal dazu, das Yin zu leben, die sanftere, ruhigere Seite des Lebens.

Der Körper weiß oft mehr darüber, was wir brauchen, als wir. Wie hier in dem Artikel Körpersymptome verstehen – Öffne diese Post! [English Summary] beschrieben.

Oder ein zufälliger Retreat kommt in der Form vor, dass einfach niemand um uns ist. Wir sind alleine und verbringen die Zeit eben irgendwie, sind aber auch nicht wirklich bewusst da. Die Zeit geht so dahin.

Ganz anders ist es beim geplanten, absichtlichen Retreat.

 

Der geplante Retreat: Eine Zeit, um bei dir anzukommen

Ein geplanter Retreat ist ein bewusster Schritt zu uns selbst.

Ja, es mag etwas Mut kosten, sich diese Zeit absichtsvoll zu verschaffen.

Doch dafür kann eine neue Ebene innerer Ruhe entstehen.

Ein Rückzug ist tatsächlich ein Heilmittel bei Überspannung und Genervtsein. Eine Art, ganz anders zu sich selbst zurückzukehren. Mal wieder zur Stille zu finden.

Ein Retreat ist ein Rückzug von anderen Menschen und aus dem Alltag für eine bestimmte Zeit.

In diesem Artikel lege ich nun den Schwerpunkt auf den Retreat zuhause. Du fragst vielleicht: Rückzug zuhause, funktioniert denn das?

Es wäre eine berechtigte Frage. Schauen wir es einmal näher an:

 

Retreat außerhalb

Für manche Menschen ist es in ihrem Heim tatsächlich schwierig oder unmöglich, Ruhe für sich zu haben. Gerade mit Kindern, einer lebhaften Selbständigkeit im eigenen Haus oder auf einem Bauernhof ist die ungestörte Eigenzeit in Frage gestellt.

Andere Menschen möchten gerne in eine besonders förderliche Umgebung gehen, um sich zu erholen. Oder sind sowieso viel zuhause, wollen mal raus, damit sie überhaupt den Unterschied merken.

Manche buchen dann ein Zimmer auf dem Land, einen Raum in einem Seminarhotel, eine Ferienwohnung oder Hütte.

 

Das ist natürlich meistens mit Kosten verbunden. Trotzdem ist es eine gute Möglichkeit und hat viele Vorteile:

  • Das Übliche ist nicht da, um dich zu Alltagstätigkeiten zu verlocken. („Ich könnte doch noch schnell …“, „Ich wollte doch schon lange…“ Und schon bist du wieder im üblichen Fleißmodus drin.)
  • Es können keine Freunde und Verwandten, Postleute, Handwerker oder Nachbarn anklingeln. Du bist einfach nicht da. Draußen aus allem.

Diese Art eines Retreats ist prima. Doch es ist nicht die einzige Art, die funktioniert! Deshalb dieser Artikel: Ich möchte es leichter machen, die Kraft des bewussten Alleinseins für sich zu nutzen.

 

Retreat zuhause

Wir sollten uns dafür nämlich nicht zu sehr von bestimmten Formen abhängig machen (einem gebuchten Retreat in einem Kloster oder Seminarzentrum zum Beispiel).

So nach dem Motto: „Wenn ich keine Woche allein in eine Pension gehen kann, dann gibt es für mich keinen Rückzugsraum.“

Denn das ist klassisches Entweder-Oder-Denken.

Diese Denkfalle hat uns schon an zu vielem gehindert.

 

Ich meine: Zuhause sein und mehr bei sich selbst anzukommen, das ist doppelt schön.

Lies weiter über den Retreat zuhause:

 

Gründe, den Retreat zuhause zu machen

Es gibt verschiedenste Gründe, Retreat zuhause zu machen, zum Beispiel:

  • Für manche von uns sind die Kosten außerhalb nicht zu tragen
  • Anderen ist die Reise oder der kleine „Umzug“ dorthin zu beschwerlich und zu umständlich
  • Oder sie brauchen ihre (kreativen) Sachen um sich herum und ihre gewohnte Umgebung
  • Außerdem kann ein Retreat außerhalb wieder mit neuen Kontakten verknüpft sein, die uns von uns selbst ablenken.

 

Zuhause geht viel, wenn du dich wirklich erholen willst und eine erfüllte Zeit suchst. Ich habe davon schon einmal in den Artikeln über Urlaub zuhause geschrieben:

Schon in diesen Artikeln habe ich gezeigt:

Zeit alleine in deinem eigenen Heim zu haben bedeutet, dich in deinem gewohnten Eigenraum auf neue Weise entfalten zu können.

Das kann das Gefühl zu deinem Leben auf sanfte Weise verändern. Es erhöht stark deine Selbstbestimmung.

(Vieles von dem, was ich hier beschreibe, lässt sich auf die „externen Retreats“ natürlich genauso übertragen.)

Und was genau ist nun ein Retreat?

 

Retreat: Rückzug aus dem Alltag

Ein Retreat ist, wie jeder andere Akt der Selbstzuwendung, ein großer Schritt zu mehr Selbstliebe. Du gehst in ein Retreat, weil dir etwas fehlt.

Jennifer Louden, Autorin von Zeit für dich, Neue Kräfte schöpfen aus der Stille, Das große Retreat-Buch für Frauen

 

Du nimmst dich aus dem Üblichen heraus und erlaubst dir, mit dir zu sein.

Ein revolutionärer Akt.

Akt der Selbstliebe.

 

Du stoppst das Einprasseln der Impulse auf dein gequältes Nervensystem.

Da ist jetzt nichts, worauf du reagieren musst.

Du lässt alles ein Weilchen ausklingen. Um dann die inneren Impulse überhaupt wieder wahrnehmen zu können.

Erwartungen und Einflüsse anderer Menschen treten zurück. Du stoppst die Welt für eine bestimmte Zeit an einem bestimmten Ort und gibst deinem Selbst Raum, wieder hervorzutreten.

Dazu ziehst du eine Grenze.

Diese Grenze markiert deinen Retreat.

 

Du ziehst eine Grenze

Die Grenze entsteht aus deiner bewussten Absicht. Bewusstheit und Absicht sind es, die eine „normale Zeit“ zuhause von einem Retreat unterscheiden.

Und wie wird diese Grenze konkret gezogen?

 

1.     Ziehe eine zeitliche Grenze

  • Der Retreat umfasst eine bestimmte, definierte Zeit. Das kann auch eine kleinere Zeiteinheit sein.
  • Zum Beispiel eine Stunde, wenn du merkst, du bist müde oder erschöpft. Das bringt schon viel.
  • Oder ein bis zwei Stunden nach Ende der Arbeitswoche, ehe es ins Wochenende geht. So eine Zeit nenne ich „Dekompression“.
  • In geplanter Form auch zwei Stunden oder ein halber Tag, nur Zeit für dich.
  • Oder auch einen ganzen Tag oder länger.

Lass dich von den gängigen Vorstellungen nicht in die Irre führen: Es muss nicht unbedingt eine Woche sein und auch kein Tag! Ein, zwei Stunden – bewusst verbracht – sind qualitativ kostbar. Vielleicht wäre vor allem am Anfang zu viel Zeit auch zu erschreckend.

 

So schreibt Jennifer Louden, die über Retreats geschrieben und unterrichtet hat:

Die kleinen Retreats, die ich jeden Tag machte und in denen ich lernte hinzuhören, die kurzen Sonntagmorgen-Retreats und die wenigen Wochenend-Retreats haben mein Bewusstsein verändert.

 

2.     Ziehe eine räumliche Grenze

Eine kleine räumliche Veränderung ist auch nötig, um die Grenze zu markieren:

  • Du sorgst organisatorisch und kommunikativ dafür, dass du die Zeit allein und ungestört verbringen kannst. Wenn du mit jemandem zusammenwohnst, trägst du dein Anliegen frühzeitig vor, bittest um Verständnis und um Unterstützung, diese Zeit für dich zu bekommen.
  • Du bereitest das Zimmer oder die Wohnung ein bisschen vor, so dass du nicht im Chaos sitzt, sondern in einer recht ordentlichen, erfreulichen Umgebung. (Kein Perfektionismus!)
  • Vielleicht nimmst du eine optische Veränderung: Blumen hinstellen, irgendeine andere Farbe in den Raum bringen oder so etwas. Etwas, das dich anspricht und deine Sinne beruhigt.
  • Idealerweise sorgst du für Verpflegung, so dass du dich darum nicht zu kümmern brauchst. Du hast einfach etwas zu essen und zu trinken da und damit den Kopf frei.

 

3.     Ziehe eine kommunikative Grenze

Ganz wichtig ist, für Ungestörtheit zu sorgen. So machst du es:

  • Schalte das Telefon leise oder aus.
  • Stell das Handy auf Offline oder schalte es gleich ganz ab.
  • Gib wichtigen Leuten in deinem Leben, die sonst üblicherweise mit dir Kontakt aufnehmen, Bescheid, dass du für diese Zeit nicht zu sprechen bist.

Du bist jetzt nicht da. Kannst aufblühen. Ganz einfach.

Oder? Kommt bei dem Gedanken Unbehagen auf? Das wäre nicht ungewöhnlich … Vielen erscheint Zeit für sich selbst nämlich als egoistisch.

 

Retreat zuhause, ist das nicht egoistisch?!

Ja und Nein.

Natürlich ist es ein Rückzug von anderen Menschen.

Und diese werden es womöglich erst einmal gar nicht so nett finden. Es macht auf sie vielleicht einen egoistischen Eindruck.

 

Vor allem, wenn sie von uns völlige Zugänglichkeit gewöhnt waren:

„Sonst hatte sie doch immer Zeit?!“

 

Doch die Wahrheit ist: Wir brauchen Zeit für uns selbst!

Und wir können lernen, uns selbst die Erlaubnis zum Alleinsein zu geben.

 

Andere Menschen können wiederum dazulernen.

Sie können lernen, uns die Erlaubnis zu geben.

 

Und damit geben wir auch ihnen die Erlaubnis für Freiraum.

Bedenke, dass du mit diesem Verhalten ein positives Vorbild und eine Erlaubnis geben kannst:

„Hm. Eigentlich hat sie Recht. Das könnte ich auch einmal brauchen.“

 

Liebe und Fürsorge werden erst vollständig mit der Möglichkeit zur Distanz, zur Autonomie.

 

Lasst Raum zwischen euch.

Rafik Schami

 

Sensible Wesen brauchen soziale Auszeiten notwendig

Ein weiterer Grund für diese Eigenzeiten: Auch wenn sie sich nicht immer dessen bewusst sind – für Hochsensible, für Introvertierte und für künstlerische Menschen trifft dieses Bedürfnis nach Freiraum besonders zu.

Wenn du irgendetwas von einer dieser Kategorien an dir hast, prüfe mal deinen Pegel an Alleinsein und deinen Pegel von Frust.

 

Julia Cameron schrieb in Der Weg des Künstlers:

Wir denken, es macht uns zu tugendhaften Menschen, auf unsere Bedürfnisse zu verzichten. Das stimmt nicht! Es macht uns lediglich zu frustrierten Menschen.

 

Wenn wir sehr frustriert sind, dann sind wir auch nicht mehr nett zu anderen …

Es kann daher für die anderen vorteilhafter sein, wenn wir uns zurückziehen und danach mit aufgetankten Speichern zurückkehren.

So dass wir wieder Nerven für unsere Lieben zu haben.

Gerade, wer empfindliche soziale Antennen hat und viel wahrnimmt, wird diese Auszeit ab und zu brauchen. Einen Schonraum, wo die Antennen sich glätten und alle Impulse zur Ruhe kommen können.

Eine Art zwischenmenschlicher Re-Set.

 

Sanft mit den Grenzen

Ein bisschen Vorsicht ist geboten: Solange wir noch ungeübt sind, werden wir manchmal ein bisschen schroff sein beim Einfordern unserer Zeit.

Das liegt daran, dass wir im Selbstverteidigungsmodus agieren.

 

Wir sind eben heimlich überzeugt, dass es uns nicht zusteht. Sind vielleicht bisher nicht auf Verständnis gestoßen mit unseren Wünschen.

Oder es war früher in unserem Leben irgendwie verboten. Und wir „wehren“ uns und geben dann leicht mal unseren Lieben verbal eine rein. Das kann vorkommen.

Je unerlaubter uns das Bedürfnis nach Alleinsein erscheint, und je länger wir schon damit gewartet haben, es zu benennen, desto mehr Zunder ist drin.

 

Eigenzeit: Du brauchst deine eigene Erlaubnis

Doch umgekehrt heißt das auch: Je klarer du dir selbst dein Bedürfnis nach Eigenzeit eingestehen kannst, desto ruhiger und freundlicher kannst du es kommunizieren.

Du wirst überrascht sein, wie leicht deine Umgebung dir ihren Segen für Eigenzeit gibt! Und das fühlt sich gut an. Überraschend und befreiend.

Wir treffen auf viel mehr Verständnis, wenn wir innerlich mit unserem Wunsch einig sind. Dann können wir ihn auch besser rüberbringen.

Also, wenn du das Bedürfnis nach Zeit für dich hast: Gib dir selbst die Erlaubnis!

Und dann sorge für diese Zeit.

Das wird schon … Ist einfach Übungssache. Und dann die üblichen Aufgaben einmal liegen lassen dürfen und sich auf sich selbst beziehen. „Heute Retreat.“ Retreat zuhause.

Und wie geht es dann weiter?

 

Was tust du nun mit deiner Eigenzeit?

Es gibt viele Möglichkeiten. Eine ganze Menükarte voller Möglichkeiten.

Die geschaffene Zeit und den Raum für dich füllst du selbst mit Inhalten. Diese könnten zum Beispiel so aussehen:

  1. Du kannst die Zeit bewusst werktätig verbringen und Dinge erledigen, die du schon lange tun wolltest. Das fällt vielleicht zum Einstieg am leichtesten. Jedoch solltest du darauf achten, mit Genuss am Alleinsein zu agieren. Im Bewusstsein deiner Zeit und deines Raums. Du bist tätig, aber du bist auch mit dir. Das ergibt ein Erfolgserlebnis und macht den Einstieg in die Retreats manchen bestimmt leichter.
  2. Du könntest auch eine Künstlerwerkstatt aus deiner Zeit machen und etwas Kreatives erschaffen, dich vom Flow treiben lassen, etwas konzentriert fertigstellen. Oder neue Funken schlagen. Sehen, was aus deinem Unbewussten aufsteigt, wenn du ihm mal die Gelegenheit gibst.
  3. Natürlich kannst du auch einen Wellness-Retreat daheim daraus machen. Mit allem, was Körper und Seele guttut, ein bisschen Luxus, Sinnlichkeit und Verwöhnen, nur für dich alleine. Spazieren gehen, baden, entspannen, Düfte verwenden. Wie eine kleine Kur, sehr wohltuend.
  4. Und du kannst eine klassische spirituelle, besinnliche Zeit verbringen. Schweigezeit, Gebet oder Meditation könnten sich anbieten. Ein Zuhören und Dasein, eine Zeit der Achtsamkeitspraxis. Ein Andocken bei dir, deiner Seele, einer höheren Ebene. Wie du es auch nennst, denn das liegt ganz bei dir.

 

Retreat zuhause heißt: Du hast die Wahl

Die Wahl, wie geplant oder ungeplant du es angehen willst.

Und du kannst während des Retreats immer wieder nachspüren, was dir guttut, was du brauchst. Was dein Körper benötigt oder sagt. Wohin dich dein Bauchgefühl zieht. Gerade dieses Hinhören ist so wichtig.

Wenn der Retreat nur das eine bewirkt, dass du dich selbst wieder mehr hören und spüren kannst, war es die Zeit schon wert.

Zum Schluss rundest du die Zeit dann ab und machst dir bewusst, was du mit in deinen Alltag zurücknimmst. Was hat sich geändert? Was hast du entdeckt oder über dich selbst erfahren?

Kannst du mit der Idee eines Retreats zuhause etwas anfangen?

Hast du schon Erfahrung damit?

Ist dir das Thema nah oder fremd oder etwas dazwischen?

Lass mich gerne wissen, was deine Sehnsucht ist und was du vielleicht in deiner Eigenregie ausprobieren möchtest.

 

Mehr über den Retreat zuhause findest du im folgenden Artikel von Anna auf Passionflow: Auf der Überholspur zurück zu dir (Was ist ein Home-Retreat?)

Ich habe übrigens auch entdeckt, dass Jennifer Louden, die Autorin des dicken Buches Zeit für dich heute Online-Retreats anbietet: Die Wirkung der gemeinsamen Retreatpraxis, kombiniert mit der Behaglichkeit und Sicherheit des eigenen Heims. (Englischsprachig) Spannend.

 

Ich freue mich auf deinen Kommentar!

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