Stress pur! Wieder mal aus der Kurve geflogen? Dieses Geheimnis steckt dahinter

Wir machen und tun. Eine Hochleistungskultur: Immer noch das nächste. Stress pur. Noch eine Erledigung, eine Aktion, eine Deadline, ein Projekt, ein Termin. Arbeit unter Zeitdruck und Versorgung für sich und die Lieben. Und da sind noch unsere sozialen Kontakte und Hobbys, und das notwendige Training. Wie sollen die überhaupt ins Leben reinpassen? Das muss gehen! Und das geht erstaunlich lange gut. Bis wir wieder mal mit Volldampf aus der Kurve geflogen sind und uns die Augen reiben.

In diesem Artikel blättere ich auf, welches Geheimnis hinter dieser Dynamik steckt und warum wir alle immer wieder dort landen. Denn das tun wir. Und nur wenn wir wissen, wie es dazugekommen ist, können wir gegensteuern.

 

Aus der Kurve geflogen: Der Körper holt uns raus

Die Mahnung unseres Körpers holt uns meist überraschend von den Füßen. Ein Tag im Bett mit Migräne, eine Erkältung, die uns für ein oder zwei Wochen lahmlegt, ein Hexenschuss oder eine Nackenblockade. Was auch immer es ist, es ist jedenfalls eine Bremse. Typisch: meist am Wochenende oder am Anfang des Urlaubs.

Und wir wundern uns: Bis dahin war doch alles gut gegangen? Und wir hatten noch so viel vor! „Wie ist das jetzt nur gekommen?“

Langsam dämmert es uns, dass der Stress vielleicht doch ein bisschen viel war. Aber gleich so krass?

 

Oder anders gefragt: Wieso können wir oft den Stress nicht stoppen, ehe wir dieses starke Signal unseres Körpers bekommen? Warum müssen wir dazu aus der Kurve fliegen?

 

Wenn dir das auch immer wieder so geht, lies weiter und lerne, was dahintersteckt und wie du gegensteuern kannst. Denn damit bist du nicht allein! Ich kenne es selbst gut genug. Es geht uns allen so. Und dieser Stress ist typisch für unsere Zeit.

Aber die Erklärung für diesen Stress ist einige Tausend Jahre alt und stammt aus dem alten China.

 

Unsere Kräfte im Einklang mit dem Leben

Um zu erklären, was eigentlich passiert, gebe ich zuerst eine kurze Einführung in das Prinzip von YinYang und Dao.

Okay, sie ist sehr kurz!

Bei allen Taoisten entschuldige ich mich gleich im Vorhinein für diese Light-Version. Ich trage für meinen Blog alles zusammen, was hilft, um ein balanciertes Leben führen. Mein Schwerpunkt liegt auf der Psychologie, aber auch in Gebiete traditionsreicher Philosophie und Medizin verschlägt es mich manchmal.

Dieses Mal also das Dao.

Lass mich kurz erklären:

 

Das Dao

Dem Taoismus zufolge ist alles im Universum und in unserem Leben aus einer einzigen Kraft entstanden. Aus dem Dao. Was ist das Dao?

Das Leben an sich ist das Dao. Das Mysterium. Es ist nicht zu beschreiben und nicht zu benennen.

Es ist die Grundenergie ohne Formen und Begriffe. Die Leere, die doch alles in sich enthält.

(Doch, doch, ich komme auf das Thema mit dem Volldampf und dem Stress gleich wieder zurück, noch einen Moment Geduld!)

 

Das Dao ist die ultimative Wirklichkeit. Daraus entstand die Lebensenergie, das Qi.

Das Qi teilte sich in YinYang auf.

Wohlgemerkt, „YinYang“, nicht „Yin und Yang“. Es sind keine Gegensätze, keine getrennten Energien, sondern zusammengehörige Kräfte. Sie befinden sich im ständigen Wandel. So wie wir uns im Wandel befinden.

Im Zeitraffer weiter: Durch diese beiden Kräfte kam es zu den Erscheinungen in der Welt: Das, was wir sehen, spüren und anfassen können. Die Naturerscheinungen, die Dinge, die Menschen und ihre Beziehungen.

Also das, was wir so alltäglich als unsere Realität ansehen. Die Menschen und Dinge, die Gedanken und Gefühle, unsere erlebte Wirklichkeit.

 

Doch hinter diesem offensichtlichen Vordergrund unserer „Realität“ liegt immer noch – jeden Tag, jede Sekunde – die geheime Realität des Dao. Die grundlegende Wirklichkeit. Und des Qi, der Lebensenergie, die alles durchfließt.

Das Dao und das Qi – was haben sie konkret mit unserem Leben zu tun?

Nun, sich auf sie zu beziehen, das wäre eine gute Lebensbasis.

 

Sich mit dem Dao verbinden, gut für langes Leben und Gesundheit

Wir wollen gesund und in einer gewissen Harmonie leben?

Aus Sicht des Taoismus sollten wir uns immer wieder mit der ursprünglichen Energie verbinden.

Atmend, vorurteilslos, aufmerksam können wir uns von der Ebene der Dinge zurückziehen und immer wieder in der ursprünglichen Energie – im Dao – verankern. Wir können versuchen das Qi zu spüren, indem wir das Denken und Tun mal lassen und unsere Antennen ausfahren.

Das zu praktizieren würde uns ein langes, friedliches und gesundes Leben ermöglichen. Wer sich schon einmal mit Qigong, Taiji oder TCM befasst hat, ist unweigerlich auf diese Prinzipien gestoßen. Sie gelten als die älteste chinesische Philosophie.

 

Uns in Stille mit dem Dao verbinden.

Hm, wie nahe liegt uns das?

Ehrlich gesagt, gerade, wenn wir mit Highspeed durch unser Leben brausen, nicht sehr nahe!

Wer will schon Schwächen. Unsere Gesellschaft braucht von uns die Stärken, fordert Schnelligkeit und Leistung.

Doch die sind eben nur ein Teil der Realität. Lass uns das noch einmal anschauen:

 

Gesundheit: YinYang in Harmonie

Es erscheint eigentlich ganz logisch. Um in Harmonie mit dem Leben zu sein, sollten wir versuchen, verschiedene Seiten von uns in Einklang zu bringen. In der chinesischen Philosophie werden sie eben YinYang genannt.

Vielleicht ist es für dich nur eine Metapher – das ist völlig in Ordnung. Hauptsache, ich bringe rüber, was ich sagen will. Danach darfst du die Begriffe getrost wieder vergessen. Auf die kommt es nicht an. Nur auf dein Wohlergehen, deshalb bleib dran, wenn ich YinYang noch etwas erkläre:

 

YinYang. Das eine bedingt und umspielt das andere. Das eine ist im anderen schon in Keimform enthalten. Sie sind nur miteinander und im ständigen Wechsel denkbar.

YinYang gehören zusammen wie das Einatmen und das Ausatmen.

 

Du kannst nicht nur einatmen.

Du kannst nicht nur ausatmen.

Du brauchst beides.

 

Wir sind der Sache jetzt ganz nahe.

 

Ausgleich ist nötig

Ein Übermaß des einen muss ausgeglichen werden, indem das andere wieder dran kommt:

Yang, das Tun, das Feuer, die Bewegung. Die Aufwärtsbewegung, die Stärke, die Spannung. Das Senden, das Powern, das Pushen, das Schaffen. Die Zielorientierung, der Ehrgeiz, der Wettbewerb. Das harte Training, der Kampf. Auch die Lust am Stress.

Yin. Das Innehalten, das Wasser, die Ruhe und die Stille. Die Abwärtsbewegung, die Schwäche, die Entspannung. Das Empfangen, das Lauschen, das Träumen. Das Auftanken, das Bewahren, das Loslassen, das Schweigen. Das weiche Training, das Spüren der Energie.

Das sind die beiden Energien, die in Harmonie sein sollten.

 

Welche Energie dominiert?

Und jetzt die Preisfrage: Welche der beiden Energien ist wohl in unserer Gesellschaft vorrangig vertreten?

  • Welche Energie ist mehr gefragt, Yin oder Yang?
  • Welche wird im Berufsleben gefordert?
  • Wie viel Zeit deiner Woche verbringst du etwa im Yang-Zustand (machend und schaffend) und wie viel Zeit im Yin-Zustand (erholend und auftankend)?
  • Und welche der beiden Energien wird wohl kulturell höher wertgeschätzt?

 

Ha ha ha! Sehr witzige Frage.

Manchmal fragen wir uns, ob es überhaupt jemals einen Yin-Zustand in unserem Leben gibt!

Nun gut, ohne könnten wir gar nicht existieren. Wir machen irgendwelche Formen von Pausen, wir schlafen.

Doch wir werden von außen nicht gerade dazu eingeladen … Und es steht nicht auf unserer To Do-Liste. Es ist eben nicht im Gleichgewicht. Da hat sich so eine hektische Energie ausgebreitet, ein allgemeiner Stress, gegen den wir uns oft nur schwer wehren können.

 

Eine Welt im Übermaß von Yang: Stress pur

Wenn wir so im Laufen und Funktionieren sind, glauben wir manchmal, dass nur Yang zählt:

  • Ist Schlafen nicht irgendwie Zeitverschwendung?
  • Sollten wir nicht ständig über elektronische Kommunikation erreichbar sein?
  • Haben wir Zeit für eine Siesta, wir haben doch noch so viel zu tun!
  • Wenn ich mich jetzt hinsetze, dann komme ich gar nicht mehr hoch, ich mache weiter.
  • Ich muss diesen überhöhten Ansprüchen genügen, ich muss es irgendwie schaffen. Ich fahre nochmal das Tempo hoch.
  • Ich spanne mich an, ich halte die Luft an, dann geht es irgendwie.
  • Ich darf nichts verpassen. Muss offen bleiben für tausend einprasselnde Impulse.
  • Lärm. Die Leitungen laufen heiß.

Und unsere Städte leuchten nachts so hell, dass sie den Zugvögeln ihre Orientierung vermasseln, die jahrtausendelang sehr gut funktioniert hat.

 

Yang, Yang, Yang, Yang, Yang!

Die Überbetonung dieses Aspekts setzt allen zu.

 

Es ist wirklich nicht leicht, sich aus dieser Nummer herauszuhalten. Denn es gibt so unglaublich viele Dinge, Einflüsse und Pflichten in unserem Leben. Nicht nur von außen: Auch unsere eigenen Interessen wollen ja noch drankommen, wenn es bitte geht!

Und dann ist es eben oft der Körper, der uns die Auszeit verordnet, die wir uns nicht nehmen konnten.

Er zieht für uns die Bremse.

(Was wir in dem Moment wirklich nicht zu schätzen wissen.)

 

Was also können wir tun? Gibt es einen Ausweg?

Antwort: ein klares Ja. Der Ausweg liegt in einer besseren Balancierung der Kräfte in unserem Leben, und zwar in diesen zwei Schritten:

  1. Das Yang erkennen.
  2. Das Yin suchen.

 

Erkenne das Yang

Yang ist gut und kann viel für uns tun. Es entspricht Tatkraft und Motivation, Ziel und Erfolg.

Doch das überbordende Yang ist einfach zu viel. Es macht Stress. Die Gründe für das überbordende Yang liegen in der Gesellschaft und in uns selbst.

Es ist an uns, Ausgleich zu schaffen und unsere Balance wiederherzustellen.

Indem du das Yang erkennst, verbesserst du schon deine Situation. Denn jetzt bist du diesem allgemeinen Drall in Richtung Yang nicht mehr unbewusst ausgeliefert.

 

Versuche es:

  • Beobachte die Kräfte von Aktivität und Ruhe, von Tätigkeit und Ausgleich in deinem Leben.
  • Erkenne um dich herum, wo alles Yang gelebt und eingefordert wird.
  • Spüre in dir selbst, wo du dir ein Leben im Yang-Zustand angewöhnt hast.

 

Achtsamkeit üben, indem du das Yang beobachtest

Das Gute ist: Indem du das Yang beobachtest, übst du schon Achtsamkeit – und gewinnst einen ersten Abstand.

Beobachten ist gleich eine ruhigere Energie.

(Vielleicht mal durchatmen zur Unterstützung.)

 

Du wirst so vom Bemerken des Yang direkt in den Zustand der Achtsamkeit übergehen.

„Ich bin mir des Yang in mir und um mich bewusst.“

Dadurch entsteht Konzentration. Du kannst bewusst durchatmen. So hältst du für einen Moment an.

Das ist schon die halbe Miete.

 

Frage: Erkennst du das zu starke Yang in deinem Leben?

Wo in deinem Leben hat das Yang überhand genommen?

Wie lange geht das schon?

Macht das vielleicht deinen erlebten Stresspegel verständlicher?

 

Es geht auch anders

Jetzt denkst du dir vielleicht: „Ja verflixt nochmal, ich kann dem ja gar nicht entgehen!“

Doch. Ich glaube, dass gar nicht alles so angespannt sein muss. Ich habe erlebt, dass wir manches anders (sanfter, milder) leben können, indem wir den Modus wechseln.

Wir werden es wohl nicht vermeiden können, mal gesundheitlich auszufallen.

Und wir können damit Missstände im beruflichen System wohl nicht ganz ausgleichen. Leider.

Doch wir tun manches auf eine schnelle, angespannte Weise, was wir genauso gut auch in einem sanften Fluss tun könnten. Etwas mehr Balance ist schon möglich.

 

Suche das Yin

Lass uns jetzt zu der komplementären Energie schauen: zum Yin.

Wenn du dir des Überschusses an Yang bewusst geworden bist, bekommst du ganz natürlich Sehnsucht nach dem Yin.

Eine heilende Sehnsucht nach dem Ausgleich, der langsameren Gangart, mehr Stille. Nach Annahme und Atempausen. Und diese Sehnsucht hilft dir, Änderungen vorzunehmen.

Es fällt in unsere private Zuständigkeit, uns um Ausgleich zu kümmern: Wir selbst können dem Yin wieder Raum geben. Unseren schwachen Seiten, der Regeneration, dem Ungezielten, dem Langsamen. Dem Dasein an sich Raum geben.

(Und mein Blog möchte dich darin unterstützen.)

 

Stelle dir selbst Fragen zum Yin

Es ist leichter, als du denkst: Denn die Heilung beginnt schon, indem wir das Ungleichgewicht bemerken.

Das ist erstmal ein schmerzlicher Moment, ja.

 

Doch wir vertiefen die Heilung, wenn wir uns auf die Suche nach dem Yin machen – nach der vernachlässigten Seite unserer Selbst.

Frage dich: Wie könnte ich persönlich das Yin leben? Was brauche ich dazu?

Lass diese Frage weiterwirken. Damit löst du eine unbewusste Suche aus und gibst dir selbst die Erlaubnis zu einer ruhigeren Gangart.

 

Erlaube es dir: Nähere dich deiner anderen Seite, dem Yin, an.

Und verstärke sie in deinem Leben, damit YinYang allmählich wieder in eine Balance kommen.

(Und bring dafür ein bisschen Geduld mit.)

 

Wie hat dieser Artikel auf dich gewirkt? Kannst du mit der Erklärung aus dem alten China etwas anfangen? Wie siehst du selbst den Stress in deinem Leben? Und worin besteht für dich das Gegengewicht?

Lass es mich in den Kommentaren unten wissen.

Ich wünsche dir eine ruhige, sanfte Kraft in deinem Leben.

Und hier geht es weiter: Erholung gehört zum Leben – Lebe das Yin. Ein Artikel der Reihe Kleine Schritte. Damit mache ich dir den Einstieg in deine persönliche Erholungspraxis leicht.

 

 

Weitere Artikel, die dich interessieren könnten:

Zum Thema sehr passend der neue Artikel von Anne-Barbara Kern auf hochsensibelsein.de: Drei Schritte zur Entschleunigung für hochsensible Nerven. Er bestätigt sehr die Beschreibung unseres Stress-Systems und gibt schon viele Lösungsvorschläge.

4 Replies to “Stress pur! Wieder mal aus der Kurve geflogen? Dieses Geheimnis steckt dahinter”

  1. Liebe Jana,
    dieser Artikel hat mir sehr gut gefallen! Die Erfahrung kenne ich auch gut, unerwartet „aus der Kurve zu fliegen“. Dein Bezug zu YinYang war für mich sehr nachvollziehbar, das ist eine gute Erklärung.
    Körperlich erinnert mich das an das Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus im autonomen Nervensystem. Die sind ja auch nicht ohne jeweils den anderen Teil vorstellbar und ein Ungleichgewicht wirkt sich drastisch auf das Wohlbefinden aus, zum Beispiel bei Schlafstörungen.
    Mir hat dein Artikel viel Material zum Nachdenken gebracht, herzlichen Dank!

    1. Liebe Birgit,

      vielen Dank für deinen Bericht, wie es dir mit dem Artikel ging!

      Sympathikus und Parasympathikus, da ist was dran. Wenn wir dauernd im Aktivierungssystem (Sympathikus) hängenbleiben, das ist nicht lustig, mit dem Herzrasen und den Schlafproblemen. Für die Übergänge vom Aktivierungs- zum Erholungsystem müssen wir selbst sorgen. Das dürfte so ziemlich dem Verhältnis von YinYang heutzutage entsprechen.

      Ich wünsche dir da viele gute Mittel an der Hand für Beruhigung und Entspannung auf deine Art.
      Und gute Erholung. 😉

      Liebe Grüße
      Jana Lindberg

  2. Hallo Jana,
    Gleich beim Lesen hat sich in mir das Yin entfaltet. Ich war grade beim Putzen, habe nachher einen (hübschen) Termin und war sehr „Yang“. Das Handy blinkte, ich hab mal schnell in mein Chat-Programm geguckt und bin dann irgendwie auf deiner Seite gelandet. Und da hast du mir das Yin quasi herbeigeschrieben.

    Dankeschön I-)
    Grane

    1. Hej Grane,

      Danke für deinen Bericht! Genau wie du sagst: eine Aktivität (wie Putzen) und ein Termin vor uns und Zack, das reicht oft schon, um uns irgendwie hochzufahren. Es ist eine große Freude für mich, dass ich für dich „das Yin herbeigeschrieben habe“. Was für eine schöne Formulierung. Und dass ein Blinken des Handys auf meine Seite und von da aus ins Yin führt, zeigt doch, dass die neuen Medien auch durchaus mal zu mehr Erholung führen können. 😉

      Eine gute Balance für dich!
      Liebe Grüße
      Jana

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