Wertschätzung – die Macht des positiven Feedbacks

Wertschätzung ist eine Zaubermacht. Und eine Tugend.

„Ja, das gefällt mir.“

„Ich mag dich.“

„Du bist mir wichtig.“

„Gut gemacht.“

„Da hast du viel geleistet.“

„Dieser neue Schritt von dir ist eine Errungenschaft, die dich weiterbringen wird.“

„Danke, dass du mir dein neues Werk zeigst.“

„Danke für deine Hilfe, deine Fürsorge.“

 

Werden diese Worte in deinem Leben oft verwendet? Von dir, von anderen? Hörst du sie oft? Wenn, dann ist das ein Segen!

Sprichst du wertschätzend mit den Menschen, die dir nahe stehen? Mit deinen Kolleginnen und Mitarbeitern?

Sprechen die anderen wertschätzend mit dir?

Wertschätzung ist Wasser auf den Garten eines kreativen Wesens (also aller Menschen).

Das optimistische, bestärkende „Weiter so!“

 

Positive Bestärkung ist machtvoll

Nach Gerald Hüther ist jedes Kind von Natur aus hochbegabt und braucht einfach nur Bestärkung und Förderung. Jedes Kind hat Lernhunger, einen individuellen Lernweg und eine originale Sicht auf die Welt.

(Mehr über Gerald Hüthers Buch „Jedes Kind ist hochbegabt“: Hier eine Info in Kurzform und hier ein längeres Interview auf YouTube.)

Wir alle sind also von Natur aus hochbegabt und brauchten nur die entsprechende Förderung.

„Positive Bestärkung“ heißt das in der Verhaltenspsychologie: Für ein erwünschtes, positives Verhalten gibt es auch positives Feedback.

 

Aufmerksamkeit als menschliche Währung

Und vor allem bekommt das Positive auch Aufmerksamkeit. Und die ist das größte Gut im Beziehungsleben.

Der aufmerksame Blick der Eltern bei den ersten Schritten. Freundliche bestärkende Aufmerksamkeit bei allen ersten Gehversuchen im weiteren Leben. Sie sind Gold wert.

Wir sind soziale Wesen; man könnte auch sagen Säugetiere. Wir lernen über Beziehungen. Über Feedback. Über emotionale Intensität.

Wohin geht die Aufmerksamkeit und die Emotion? Auf das Gute? Dann wird das Gute damit bestärkt.

Doch oft ist es anders: Das Unerwünschte bekommt mehr Aufmerksamkeit. Da passieren dann viele zufällige, ungünstige Konditionierungen. Es wird gar nicht das belohnt, was eigentlich am Schluss herauskommen soll.

 

Rotstift-Erziehung

Warum fallen uns positive Worte überhaupt so schwer?

Es wäre einfach, einander zu bestärken. Und so gegenseitig das Möglichmachen zu unterstützen.

Doch wir wachsen mit einer Rotstift-Mentalität auf: Wenn etwas nicht passt, dann ist es immer gut, es anzustreichen! Möglichst noch mit Kommentaren und Ausrufezeichen versehen. „Hier hättest du mehr ausführen können!“ „Wirklich?!“

Und was war an dem Aufsatz gut?

Ist das keiner Erwähnung wert?

Wie wohltuend ist dann der eine Satz unter dem Aufsatz, der einen Spiegel anbietet, was an dem Geschriebenen gepasst hat und ausgebaut werden könnte.

 

Lupe auf Kritik

Leider sind wir kulturell wirklich so geprägt, dass wir unseren Blick am meisten dafür schulen, was es zu kritisieren gäbe.

Die gute Leistung wird abgenickt. Die mittelmäßige führt zu Diskussionen oder Abwertung mit viel emotionaler Aufmerksamkeit. (Eine negative Verstärkung, d.h. sie belohnt und verstärkt durch unangenehme Aufmerksamkeit.)

Nicht die 70 oder 80 tollen Prozent werden gesehen und bestärkt. Sondern die 30 oder 20 oder auch 10 Prozent werden förmlich gesucht, die man kritisieren könnte.

Irgendetwas findet sich schon.

 

Hilfreiche Kritik, um besser zu werden

Manchmal – wenn es in wertschätzender Weise geschieht – lernen wir aus Kritik wirklich sehr Wertvolles.

Ein Beispiel: Ich hatte ein Fotoheft mit Texten für Weihnachten zusammengestellt. Ich bat meine Liebste, bitte jeden einzelnen Fehler zu finden. Jedes verrutschte Foto. Alles, was das Heft irgendwie schlechter machte. Ich war froh über jede Anmerkung. Ich wollte jeden einzelnen Satz durchgehen. Alles sollte stimmen.

Das kreative Produkt war schon fertig, es war in schönem Flow entstanden, ohne Entmutigung oder emotionale Unterbrechung.

 

Das ist der Moment, wo Kritik hilfreich ist, damit am Ende das Optimum (zumindest für den Moment) herauskommt.

Am Anfang und im Entstehen einer neuen Idee kann Kritik hingegen vernichtend sein. Projekte werden ganz aufgegeben. Sowohl die Kritik als auch die Energie dahinter (zum Beispiel Missgunst oder Achtlosigkeit) bremst und und nimmt uns die Luft weiterzumachen. Wir brauchen zum Gedeihen oft etwas anderes.

Manchmal kann ein Hinweis wichtig sein, wo wir vielleicht eine Richtung ändern könnten. Doch dann nur äußerst wertschätzend für die Person und das Gesamtpaket.

 

Prasselnde negative Kritik

Denn oft tut Kritik einfach nur weh. Kritik macht uns unsicher. Sie nimmt uns den Mumm, aus voller Kraft wachsen zu wollen.

So wurde über Generationen eine wenig wertschätzendes Verhalten weitergegeben, das letztlich aus früheren Zeiten stammt.

Wir haben 2020, nicht mehr 1890, 1920 oder 1950.

Warum diese herben verbalen Kopfnüsse? Die altväterliche Falte auf der Stirn, wie mit Stehkragen und Zylinder? Die runtergezogenen Mundwinkel?

Das Verhalten ist leider total verbreitet. Wir haben es fast alle im Repertoire.

Kritik als Dauer-Ton kann einfach Gewohnheit sein.

 

Kritik als gutgemeinte Warnung

Es kann aber auch eine Art Warnverhalten sein, das sogar der Fürsorglichkeit entspringt: Damit eine Person nicht den „Fehler“ macht, zu gut von sich zu denken. Sich zu weit vorzuwagen.

Um Leute davor zu bewahren, sich zu überschätzen. Oder in eine falsche Richtung zu gehen.

Es ist vielleicht gut gemeint: Fehler ausmerzen, damit die Person sich nicht naiv zu schnell vorwagt und dort draußen dann Kritik überzogen wird.

Es tut trotzdem weh.

(Ich denke, die meisten von uns können uns erinnern, solches Feedback sowohl gegeben als auch erhalten zu haben! Unsere Kultur begünstigt es.)

 

Revierverhalten

Es kann auch eine Art Eifersucht im Spiel sein.

Zum Beispiel, weil man selbst gelernt hat, sich so sehr zurückzunehmen, dass es sich einfach falsch anfühlt, wenn andere es nicht tun!

Oder weil jemand anderes in Gefilde vordringt, die man sich selbst bisher versagt hat. Das ist kaum auszuhalten; schnell ist die harsche Bemerkung draußen.

Das Ganze gibt es aber auch mit System, wie eine Hackordnung:

  • Wenn ich kritisiere, dann bin ich schon nicht in der schwächeren Position den anderen gegenüber. Eine Vorwärtsverteidigung in einem Umfeld, wo gegenseitige Kritik an der Tagesordnung ist.
  • Oder so: Kunst Nummer 1 hat die Vorrangstellung, die aktuelle Marktmacht. Jemand mit Kunst Nummer 2 muss schnell eins drüberkriegen, damit da keine falschen Vorstellungen entstehen.
  • Oder klassisch: Geschlecht Nummer 1 hat es schon immer gekonnt und hat das Sagen. Geschlecht Nummer 2 kriegt schnell die Klatsche und wird auf hintere Ränge zurückverwiesen. („Zweitklassig“, „gefällig“, „keine richtige Kunst“). Ganz einfach und bewährt; kann auf niedrigere Schicht, andere sexuelle Orientierungen, andere Geschlechter, Herkunft und Hautfarben angewendet werden.

Wer so aufwächst (die meisten also, denn das ist die Struktur unserer Bildungslandschaft), lernt gründlich, sich zurückzunehmen. Bloß keine Fläche für diese scharfen Pfeile bieten. Hier geht es um Reviere und Ränge.

 

Verhärmt durch Mangel an Wertschätzung

Oft verhindert dieses gelernte Verhalten dann, Komplimente überhaupt annehmen zu können. Sie werden sofort abgewehrt.

Irgendwie würde frau sich lächerlich machen, wenn sie sich drüber freut.

Oder man „weiß“ es besser, die Person täuscht sich mit ihrem Kompliment, so gut bin ich ja gar nicht.

Kennst du irgendetwas davon? Ich schon …

 

Verletzungen sind passiert

Wenn ja, ist das schlimm?

Nun – es ist sehr schade.

Aber auch menschlich.

Da sind viele harte Worte gesagt und weitergegeben worden.

Sie kreisen in unserer Psyche.

Es ist eher traurig als empörend.

Doch es ist auch heilbar.

 

Wertschätzung erlernen

Ich plädiere dafür, einen wertschätzenden Umgang miteinander wieder zu erlernen und einzuüben. Dazu ist es nötig, Wertschätzung auf die Agenda zu setzen:

Respekt.

Freundlichkeit.

Verträglichkeit.

Authentisches bestärkendes Feedback.

In meinen sozialen Beratungen gedeihen die Leute sehr damit. Es ist außerdem ungewohnt für sie. Sie atmen richtig auf, wenn ihnen mal jemand sagt, dass sie etwas gut gemacht haben.

Das eigene innere Klima wird sofort entspannter.

 

„Praise makes you brave“

Barbara Sher sagte: „Lob macht dich mutig.“ Sie riet entschieden davon ab, im Coaching „tough love“ („harte Liebe“) zu praktizieren und den Leuten ihre Schwächen um die Ohren zu hauen, damit sie es mal einsehen. Es verletzt und verunsichert nur. Hier ein kurzes Video dazu (Englisch).

Stattdessen sei die Rolle des Coaches und des Erfolgsteams, alle mutiger zu machen. Ihnen etwas zuzutrauen. Ihre Stärken zu erkennen. Sie anzufeuern. Sich über jeden kleinen Erfolg miteinander zu freuen.

Und damit das Gute zu bestärken.

Indem wir das Gute bestärken, helfen wir, es in die Welt zu bringen.

„Lob macht dich mutig.“

 

Trainierter Fokus aufs Negative

Ich fürchte aber, viele von uns haben auch gelernt, das Schlechte überverhältnismäßig stark wahrzunehmen. Es springt uns förmlich ins Auge:

  • Das Blöde an Leuten;
  • das Besorgniserregende bei Kindern;
  • das Schlimme oder Beängstigende bei lieben Menschen und in der Welt;
  • das, was an uns noch nicht passt; was wir falsch gemacht oder nicht geschafft haben haben; was fehlt;
  • das, was andere falsch machen.

Unser Fokus ist darauf trainiert. Es macht uns nicht gerade fröhlich … und andere auch nicht.

 

Lernen, nach dem Guten zu suchen

Wir haben gelernt, das Schlechte zu sehen.

Wir können auch lernen, das Gute zu sehen.

Das, was wir wertschätzen.

Was wir gut gemacht haben. Was an uns liebenswert ist. Wo wir einfach okay sind.

Und dann auch, was wir an den anderen schätzen. Was sie gut gemacht haben.

 

Selbstheilung von alten Verletzungen

Ich spreche hier von einem bestärkenden inneren Dialog. Der Mut erlaubt und Kraft gibt.

Und der uns damit die Basis gibt, auch andere zu schätzen und zu bestärken.

So werden wir unseren Weg gehen können. Und auch in unserem möglichen Rahmen unser Werk erschaffen und die Welt verändern.

 

Kann sein, dass wir viel Selbstheilung für erlebte Verletzungen brauchen. Dazu gehören Umgang mit dem Schmerz. Und Selbstmitgefühl. Hier mein Artikel über das Üben der Selbstannahme.

Ich wollte über Wertschätzung schreiben. Und kam bei der Kultur der Kritik und bei Selbstheilung heraus … Kein Zufall.

 

Selbstwertschätzung

Wie wäre es also, wenn wir uns mal sagen: „Gut gemacht.“ Und uns freundlich anlächeln? Es uns spüren lassen.

Was spräche dagegen?

Wertschätzung ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg, wir selbst zu werden.

Sie gehört zum realistischen Bild von uns und anderen dazu. Sonst bekommen wir nur ein negatives Zerrbild, das niemandem dient.

Selbstwertschätzung ist eine Basis für Selbstvertrauen und Standing.

 

Wertschätzung als Zentralpunkt

Wertschätzung sollte keine Randnotiz sein. Und bestimmt nicht ausgemerzt werden. Im Gegenteil. Ich finde:

Wertschätzung sollte sogar die Perspektive bestimmen.

Sie gibt uns das Informationstool, um das Schätzenswerte sehen zu können. Ohne das jedes Bild unvollständig ist. Und von dem aus sich jede Person und jedes Projekt am besten entwickeln kann.

Dies ist eine Übungssache.

Und auch ein Wechsel der Sichtweise: Wir gehen weg von der Sicht, die als erstes die Probleme betont. Und hin zu einer Sicht, die unsere Ressourcen berücksichtigt und betont, um sie zu auszubauen (wie zum Beispiel die Hypnotherapie nach Erickson, in diesem Artikel kurz beschrieben).

 

Wertschätzendes Interesse als Beziehungsgrundlage

Noch ein Gedanke, warum Wertschätzung in Beziehungen so wichtig ist: Denkst du, dass viele Menschen auf dem Sterbebett bedauern, nicht mehr Kritik geübt zu haben?

Ist es nicht eher so, dass zu wenig Wertschätzung geäußert wurde, als wir noch die Gelegenheit dazu hatten? Dass vieles kleinlich war, worüber wir uns gestritten haben? Dass wir dann später spüren, wie viel mehr Liebe eigentlich möglich gewesen wäre?

 

Vielleicht sollten wir mehr positives Feedback formulieren für das, was wir mögen:

  • Briefe schreiben an Verwandte und Freundeskreis über das Gute, das sonst ungesagt bliebe.
  • Uns bei Personen des öffentlichen Lebens bedanken für das, was sie tun.
  • Feedback geben an Menschen, die sich engagieren, und sie wissen lassen, dass wir es schätzen.

Jeder Mensch gedeiht unter dem wohltuenden Regen der Wertschätzung. Jede Person kämpft um Mut und Durchhaltevermögen, auch die nach außen Starken.

Kannst du dich an wertschätzende Komplimente erinnern, die dich genährt haben? Die dich haben aufblühen lassen?

Erinnere dich doch mal an eine Situation, oder an zwei, drei, in denen du wohltuende Rückmeldung erhalten hast.

Tut das gut?

 

„Danke für dein Engagement“

Wie gut das tut und wie wichtig es ist, zeigt vielleicht der Artikel Nummer Eins auf dem Queste Blog:

Danke für dein Engagement [Brief der Wertschätzung an dich].

Dieser Artikel führt seit über einem Jahr die Liste der am meisten gelesenen Artikel an. 🙂 Offenbar ist den Leuten genau diese Botschaft wichtig, und sie teilen sie gerne mit anderen Menschen.

An der Stelle Danke allen, die mir ihre Wertschätzung für meinen Blog ausgedrückt haben, ob persönlich, per Mail oder Kommentar.

Und Danke dir, dass du hier bist und meine Artikel liest. 🙂 Danke für dein Interesse. Das ist mir sehr kostbar.

 

Doch wenn es noch schwer fällt mit der Wertschätzung?

Ich sehe bei mir, dass es ein langer Lernweg ist. Und es kann sich am Anfang komisch anfühlen.

Dann fang einfach mit offenem Interesse an.

 

“Interest is the sincerest form of respect”

Dies ist ein weiteres Zitat von Barbara Sher: „Interesse ist die aufrichtigste Form von Respekt.“

Interesse fand sie wichtiger als innige Liebe, die vielleicht ein bestimmtes Bild in Menschen sieht oder etwas von ihnen erwartet.

Einfach Interesse haben: Interesse drückt Wertschätzung aus.

Wir müssen einander nicht dressieren mit positiven Rückmeldungen. Es reicht schon aus, offen, freundlich und interessiert zu sein.

Das allein wird schon Förderung bedeuten.

Die Menschen gehen ihren Weg selbst. Sie brauchen von uns dafür einfach das Gesehenwerden, die freundliche Aufmerksamkeit.

 

Liebe entsteht aus Interesse und Wertschätzung

Fangen wir heute damit an.

Nämlich das zu sehen, zu spüren und uns daran zu erfreuen, was uns Anlass für Freude und Wertschätzung gibt.

Interesse und Offenheit aufzubringen für den Weg, den jemand geht.

  1. Die Kritik beiseite lassen.
  2. Offenes Interesse aufbringen.
  3. Wertschätzung ausdrücken.

 

Fang zur Übung mit dir selbst an.

 

Tugenden, die bei der Entwicklung von Wertschätzung helfen

Noch einmal als Zusammenfassung: Dies hilft bei der Entwicklung einer wertschätzenden Haltung.

  • Respekt, Augenhöhe
  • Freundlichkeit
  • Verträglichkeit
  • Das Gute benennen
  • Authentisches bestärkendes Feedback
  • Offenes Interesse
  • Vertrauen in den Weg des Gegenübers

Ich übe …

Schreib mir in den Kommentaren, wo du dich da selbst siehst und was dein Weg ist.

 

Ich wünsche dir alles Gute

Deine Jana Lindberg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.